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22. Mai 2014: Umgang mit Stigmas und Tabus in der Bekämpfung von Armut

Sozialarbeitende, Armutsbetroffene und Kantonspolitiker befassten sich im Hotel Bern mit Stigmatisierungen und Tabus in der Bekämpfung von Armut. Anschliessend an die drei Referate führten die Teilnehmenden eine engagierte Diskussion, welche die Vielfalt der aktuellen Herausforderungen im Thema Armut widerspiegelte.

Direkter Download - Achtung Link öffnet sich in einem neuen Fenster (Das Programm des Abends - document, 1.0 MB)   Das Programm des Abends (1.0 MB)
Moralisierung und Entrechtung
Dr. Tanja Rietmann, Autorin des Buches „Liederlich und Arbeitsscheu“ stellte die drei zentralen Versorgungskategorien, die Versorgungspraxis von 1884 bis 1981 sowie die heutige historische Aufarbeitung und aktuelle Massnahmen der Wiedergutmachung vor.

„Abschliessend lässt sich sagen, dass die Geschichte der administrativen Versorgung auf eine Sozialpolitik verweist, die gesellschaftlichen Ordnungsbedürfnissen Vorrang einräumte vor dem Recht auf individuelle Selbstbestimmung. Bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts blieben dabei dominierende Vorstellungen von Konformität und Autorität unhinterfragt. Die Folge einer solchen repressiven, moralisierenden Armen- und Sozialpolitik war die systematische Entrechtung von Angehörigen der sozialen Unterschicht.“

Die Ende März 2014 lancierte Wiedergutmachungsinitiative kann hier unterzeichnet werden.

Die Präsentation von Dr. Tanja Rietmann:
Direkter Download - Achtung Link öffnet sich in einem neuen Fenster (Dr.Tanja Rietmann: Moralisierung und Entrechtung 2014 05 22 - document, 0.82 MB)   Dr.Tanja Rietmann: Moralisierung und Entrechtung 2014 05 22 (0.82 MB)
Gute und schlechte Armut
Erna Jung analysierte die gesellschaftliche Funktion von Stigmatisierungsprozessen und stellt die heute dominierenden Normerwartungen betreffend Armut vor. Obwohl Wahlfreiheit eine zentrale Bedingung darstellt für Verantwortlichkeit sind Armutsbetroffene trotz geringer Wahlfreiheit mit Schuldzuweisungen du Stigmatisierungen konfrontiert. Unverschuldet oder selbstverschuldet? Nicht wollen oder nicht können? Insbesondere an subjektiv bewerteten Normerwartungen wie Arbeitswille, Gehorsam und Selbstverantwortung entzündet sich öffentliche Empörung mit der Botschaft: „Schande über euch!“

„Der Umgang mit Armut hängt vom Blick auf die Armut ab. Dieser Blick gleicht dem Blick durch ein Kaleidoskop."

Direkter Download - Achtung Link öffnet sich in einem neuen Fenster (Erna Jung: Gute und schlechte Armut 2014 05 22 - document, 0.21 MB)   Erna Jung: Gute und schlechte Armut 2014 05 22 (0.21 MB)
Zukunft ohne Armut?
Thomas Näf stellt die Zusammenhänge zwischen wirtschaftlicher Ausgrenzung und sozialer Ausgrenzung ins Zentrum seines Referat. Die immer stärkere Ausgrenzung von Menschen über 50 aus dem Arbeitsmarkt und die gleichzeitige Verpflichtung, in Beschäftigungsprogrammen gratis (für Sozialhilfe) zu arbeiten empört ihn. An die Sozialarbeitenden appelliert er, nicht alle armen Menschen in einen Topf zu werfen und nicht den Anspruch zu haben, Armut lösen zu wollen:

„Armut ist ein weltweites Problem und kann nur weltweit angegangen werden.“

Gedanken zu Parallelen zwischen der administrativen Entrechtung und heutigen Entwicklungen
Jutta Gubler Kläne-Menke

Die Fähigkeit und die – subjektiv bewerteten - Aussichten, den eigenen Lebensunterhalt und den seiner (zukünftigen) Kinder aus eigener Kraft zu finanzieren, waren in der administrativen Versorgung entscheidende Kriterien, ob eine staatliche Entrechtung in die Wege geleitet wurde oder nicht. Mangels objektiver Indikatoren diente der – geschlechtsspezifisch bewertete – moralische Lebenswandel als zentraler Massstab: Liederlichkeit, Arbeitsscheu und Trunksucht.

Analogen moralischen Kriterien, insbesondere der subjektiven Bewertung „selbstverschuldet/unverschuldet“, kommt heute wieder deutlich stärkeres Gewicht zu in öffentlichen und politischen Debatten. Mittels politisch definierten Rahmenbedingungen prägen sie auch den Handlungsspielraum der Sozialen Arbeit wieder stärker. Es ist kein Zufall, dass die Beurteilung von Arbeitsfähigkeit und Arbeitswille in der Sozialhilfe wieder zu einem Brennpunkt geworden sind.

Die Gratwanderung zwischen Befähigung und Entmündigung von armen Menschen ist für Professionelle der Sozialen Arbeit insbesondere im Bereich der Arbeitsintegration deutlich anspruchsvoller geworden. Dadurch steigt das Risiko einer erneuten Entmündigung und Entrechtung von armen Menschen.

Positionspapier „Sanktionen in der Sozialhilfe“ von AvenirSocial Schweiz
AvenirSocial Schweiz spricht sich im Positionspapier „Sanktionen in der Sozialhilfe“ gegen eine im Grundsatz disziplinierende und sanktionierende Sozialhilfe aus.
Das Positionspapier fokussiert vor dem Hintergrund des starken politischen wie gesellschaftlichen Drucks die in der Sozialhilfe angewandten Sanktionen und setzt sich kritisch mit den sozialpolitischen und institutionellen Rahmenbedingungen auseinander.