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Die Nähe von Hilfe und Zwang in der Sozialen Arbeit

Marie-Luise Conen

ist dipl. Psychologin und Pädagogin mit Master of Education (M.Ed.), Temple University. Sie ist Systemische Familientherapeutin, Leiterin des Context-Instituts in Berlin und hat zahlreiche Fachliteratur veröffentlicht.

Zur Hilfe gezwungen
Ausgangslage ist immer die Tatsache, dass Institutionen der sozialen Kontrolle, die vom Staat beauftragt sind, im Verhalten der Klienten ein Problem sehen. Von Klienten eine Problemeinsicht zu erwarten, erweist sich als wenig hilfreich. Aufgabe der Fachkräfte ist es, mit den Klienten an Veränderungen in ihrem Verhalten zu arbeiten. Dabei ist es von Bedeutung, dass sie das ablehnende Verhalten der Klienten nicht als persönlich betrachten, sondern sehen, dass dieses Ausdruck ihrer gegenwärtigen Situation ist und ein Interessenskonflikt zwischen Klienten und Fachkräften besteht. Für die Gestaltung der Arbeit ist es entscheidend, inwieweit die Fachkräfte davon absehen können, nicht bereits zu Beginn die Einhaltung von Bedingungen zu fordern, sondern deren Erfüllung als Teil des Ergebnisses zu sehen. Ausschlaggebend ist, dass die Fachkräfte Hoffnung auf positive Veränderungen entfachen können.

Denn Die Klienten befinden sich im Allgemeinen in einer Situation, in der sie sich zunächst völlig ausgeliefert fühlen und nicht davon ausgehen, dass sie Einfluss haben auf das, was geschieht – außer durch Verweigerung, Ablehnung und ähnlichen Methoden. Oft haben Klienten keine Idee davon, was ihnen helfen könnte; dies kann zum einen auf Erfahrungen mit vorhergehenden Hilfen beruhen, die ihnen gezeigt haben, dass dies auch nicht weiter hilft, zum anderen zeigen diese Klienten oftmals eine ausgeprägte pessimistische oder gar fatalistische Haltung. Sie haben von sich nicht die Einschätzung einwirkend, gestaltend oder Einfluss nehmend auf ihr Leben zu sein. Daher ist es notwendig, mit den Klienten zunächst daran zu arbeiten, dass sie Möglichkeiten der Einflussnahme haben. Erst wenn sie in ihren Fähigkeiten ausreichend gestärkt wurden, können sie oftmals ihre Möglichkeiten erkennen und nutzen.

Bei Fachkräften könnte sich die Idee entwickeln, dass ein konstruktiver Nutzen von Zwang bedeutet, dass sich Menschen durch Druck und Zwang verändern; dies ist jedoch nicht der Fall. Menschen suchen immer einen Raum und Rahmen, in dem sie ihre Autonomie zu wahren suchen – und sei dieser noch so klein! Maturana (1982) geht davon aus, dass es nicht möglich ist, Menschen in ihren inneren Haltungen, Gedanken, Wahrnehmungen oder Zuständen zu instruieren. Eine Kontrolle darüber ist gegebenenfalls durch Macht- und Herrschaftsausübung möglich – solange diese ausgeübt wird. Entfällt sie, verhalten sich die Menschen ihren eigenen Vorstellungen entsprechend. Zwang und Druck auch in der Sozialen Arbeit ermöglichen lediglich, dass sich die Klienten mit den Fachkräften in einem Raum befinden bzw. sich „gemeinsam an einen Tisch“ setzen. Wollen Fachkräfte diese Situation konstruktiv nutzen, bedarf es eines entsprechenden Konzeptes (Conen 2007 u. 1997).

Das Interesse der Klienten ist darauf gerichtet, nicht mit den Fachkräften zusammenzuarbeiten. Da eine Zusammenarbeit nur möglich ist, wenn dieses Interesse aufgegriffen wird, heißt dies letztlich: „Mit den Klienten daran zu arbeiten, wie die Klienten die Fachkräfte loswerden können“. Diese Überlegung trägt dazu bei, dass die Fachkraft mit den Klienten eine Arbeitsbasis herstellen kann. Davon ausgehend ist es dann auch möglich, dass die Klienten sich damit auseinandersetzen, dass Andere, die den gesetzlichen Auftrag haben, ihr Verhalten als nicht erwünscht definieren. Die Klienten können - wenn ihnen die Arbeit an ihren Ressourcen und Stärken es erlaubt, ihre Gestaltungsmöglichkeiten (wieder) zu sehen – sich dann entscheiden, ob sie den gewünschten Verhaltensänderungen nachkommen wollen oder die angedrohten Konsequenzen bereit sind zu tragen. Viele Klienten entscheiden sich auf dieser Grundlage zu einem angepassteren Verhalten, um den möglichen Sanktionen zu entgehen. Es gibt jedoch auch Klienten, die sich für das Beibehalten ihres „exzentrischen Verhaltens“ (Cecchin et al 2006) entscheiden.

Wichtig ist das Gefühl, selbst etwas bewirken zu können

In diesem Zusammenhang gilt es noch einmal zu betonen, dass eine Veränderung des Problemverhaltens nicht per se auf eine Aufforderung oder durch Druck möglich ist. Erst das Gefühl von Selbstwirksamkeit führt dazu, dass Klienten problematisches Verhalten, Haltungen und Einstellungen verändern können. Daher ist es vor allem aus systemischer Sicht notwendig, dass die Klienten deutlich und eindringlich in ihren Stärken und Fähigkeiten sowie Ressourcen und Kompetenzen bestärkt werden. Bei einem Mangel im Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten kommt es häufig dazu, dass Klienten entweder die „Erfolge“ der Fachkraft zuschreiben oder diese nur so lange anhalten, wie die Fachkraft mit den Klienten arbeitet, also nicht anhaltend sind. In dieser ausgesprochenen Ressourcenorientierung ist es jedoch auch notwendig zu sehen, dass die Klienten diese häufig nicht „aushalten“, da eine solch positive Sichtweise von ihnen selbst ungewohnt und unvertraut ist. Daher neigen nicht wenige Klienten dazu, dann das Helfersystem auszutesten und die Reichweite des Zutrauens in sie zu erkunden: „Trauen die mir das wirklich zu, wenn ich zeige, dass ich das (auch) nicht hinbekomme?“ Bedauerlicherweise bestehen viele Fachkräfte diese Testungen ihrer Klienten nicht. Dadurch helfen sie den Klienten weiterhin in ihren negativen, pessimistischen Einschätzungen von sich selbst und ihrem Leben verfangen zu bleiben.

Denn Veränderungen werden entgegen einer verbreiteten Annahme nicht immer freudig begrüßt, sondern lösen auch Ängste und Befürchtungen vor dem Unbekannten aus. Veränderungen sind im Leben vieler Klienten oftmals bedrohlich und gleichen einer Fahrt mit einem LKW im Gebirge, dessen Bremen nicht funktionieren. Jede Kurve, sinnbildlich für die Veränderung, kann den LKW in die Schluchten abrutschen lassen. Daher verbleiben nicht wenige Klienten in ihren alten Verhaltensweisen, sehen keine Veränderungsmöglichkeiten und gehen Probleme erst unter Druck an. Der Druck zwingt die Klienten sich mit Problemen auseinanderzusetzen, die sie sonst vermieden hätten. Daher stellt Druck oder Zwang für die Klienten gegebenenfalls auch eine Möglichkeit dar, sich an die Bewältigung von Problemen heranzuwagen, die sie selbst – da keine Einwirkungsmöglichkeit gesehen wird – nicht angegangen hätten.

In diesem Zusammenhang ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass die Arbeit im Zwangskontext es erfordert, dass die Mitarbeiter der Institutionen der sozialen Kontrolle den Druck bzw. Zwang ausüben – und nicht die Fachkräfte, die beauftragt werden mit den Klienten an diesen Veränderungen zu arbeiten.


Literatur:
Cecchin, Gianfranco, Lane, G. u. Ray, W.A. (2006): Exzentrizität und Intoleranz. Eine systemische Kritik. In: Zeitschrift für systemische Therapie, 24, 3, 156-165
Conen, Marie-Luise (1997): „Unfreiwilligkeit“ – ein Lösungsverhalten. In: Familiendynamik, 3, 282-297
Conen, Marie-Luise u. Cecchin, Gianfranco (2007) : Wie kann ich Ihnen helfen, mich wieder loszuwerden? Therapie und Beratung mit unmotivierten Klienten und in Zwangskontexten. Heidelberg: Carl-Auer Verlag
Maturana, Humberto (1982): Erkennen: Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit. Braunschweig: Vierweg