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Kolumne zum Thema "Religion und Soziale Arbeit"





Paul Kleiner
Rektor Theologisch-Diakonisches Seminar (TDS) Aarau

Glaube in der Sozialen Arbeit
„Eine Frage des Glaubens“: Unter diesem Titel hat Yolanda Graf kürzlich das soziale Engagement von Freikirchen differenziert dargestellt. Als Rektor des Theologisch-Diakonischen Seminars Aarau, welches eine von den reformierten Landeskirchen anerkannte Ausbildung für das Berufsfeld der Sozialdiakonie anbietet, begrüsse ich dies sehr. Zu oft wird eine Äusserung des Papsts, ein pädophiler Übergriff eines Freikirchlers oder personelle Rochaden in einer kirchlichen Institution dazu verwendet, das Christentum – weltweit über 2 Milliarden Menschen – oder gar „die Religion“ in Sippenhaft zu nehmen. In vorbildlicher Weise erliegt der eingangs genannte Artikel dieser Gefahr nicht!

Er regt mich jedoch an, über die Grundlagen bezüglich Glaube und Sozialer Arbeit nachzudenken. Sozialarbeitenden haftet bisweilen das Klischee an, sie seien Gutmenschen, welche in naiver Weise vor allem an das Gute im Menschen glauben. Den Reformierten hingegen wird vorgeworfen, sie sähen den Menschen vor allem als Sünder. Das sind natürlich unzulässige Verallgemeinerungen. Mir scheint jedoch, alle Menschen haben ein bestimmtes Menschenbild. Das mag mehr oder weniger konsistent und mehr oder weniger bewusst sein. Dieses Bild leitet uns in unserem Leben und Handeln. Häufig stimmen dieses Bild und unsere Erfahrung überein, bisweilen auch nicht. Dann können wir unser Bild korrigieren – oder auch gegen den Augenschein daran festhalten! Das Bild und die damit verbundene Theorie, der Glaube, die Grundaxiome werden nicht einfach wegen eines empirischen Hicks gleich über Bord geworfen.

Zurück zu Glaube und Sozialer Arbeit: In Yolanda Grafs Artikel wird das ideale Verhältnis von Mission / Religion / Weltanschauung und Sozialer Arbeit / Professionalität durchgängig als Diastase gesehen: Da hinterfragt G.O. Schmid die nicht mögliche Trennung der beiden Grössen in der Praxis kritisch. Dann behaupten die freikirchlichen Exponenten von ACTS diese klare Trennung ausdrücklich. Auch die Autorin plädiert: „Wenn Religion die Motivation ist, sich zu engagieren, ist das an sich noch kein Problem – der Glaube darf der Sozialen Arbeit allerdings nicht im Wege stehen.“ Das Ideal ist klar und vorgegeben, so zusagen axiomatisch.

Meines Erachtens verschleiern solche Aussagen, dass die Soziale Arbeit immer auf einer weltanschaulichen Grundlage beruht und eine Mission hat. Dies wird zum Beispiel sehr deutlich am dreifachen Mandat – vom Lateinischen „beauftragen“, was nahe bei der Mission = Sendung (mit einem Auftrag) ist. Gemäss dem Berufskodex Soziale Arbeit Schweiz steuert insbesondere das dritte Mandat durch mögliche Konflikte zwischen dem ersten und zweiten Mandat, nämlich der Beauftragung durch die Gesellschaft bzw. durch Menschen, welche Soziale Arbeit nutzen. Nun ist ja offensichtlich, dass die Prinzipien der Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit als Kernelemente des dritten Mandats weltanschaulich bestimmt sind.

An Stelle der Diastase plädiere ich eher für eine reflektierte und offen gelegte Mission aller in der Sozialen Arbeit Tätigen. Diese haben immer eine Weltanschauung, sei diese nun freikirchlich, reformiert, katholisch, islamisch, atheistisch, säkular-humanistisch usw. geprägt. So kann es zu einem Dialog zwischen verschiedenen Auffassungen kommen, wo Gemeinsamkeiten und Differenzen deutlicher hervortreten. Zu Wissenschaftlichkeit und Professionalität gehört die Transparenz bezüglich der eigenen Grundlagen, nicht das Ausblenden der eigenen oder Ausgrenzen von fremden Prämissen. Sozialdiakonie etwa – mit dem aus der christlichen Geschichte geprägten Begriff der Diakonie – ist eine Praxis auf dem Feld der Sozialen Arbeit mit expliziter Reflexion der christlichen Weltanschauung als Rahmen.

Im Berufskodex ist eigentlich auch keine Diastase zwischen Glaube und Sozialer Arbeit vorgesehen. Denn dort gehört zur „Verwirklichung des Menschseins“ die „integrative Berücksichtigung und Achtung der […] spirituellen […] Bedürfnisse der Menschen“. Wie begegnet nun eine Sozialarbeiterin, welche religiös unmusikalisch ist (wie es etwa der Philosoph Jürgen Habermas von sich behauptet), einer ausgesprochen gläubigen Klientin? Wie tut dies ein Sozialarbeiter, welcher Religion mit Feuerbach und Freud als menschliche Projektion und Wunschdenken versteht? Professionelle mit solchen Glaubensauffassungen können sicher die spirituellen Bedürfnisse der Gegenseite integrativ berücksichtigen, sie werden sie aber in anderer Weise achten als etwa eine praktizierende katholische Sozialarbeiterin. Wiederum: Der bewusste Umgang mit dem eigenen Glauben und die Transparenz anderen gegenüber ist eine absolute Notwendigkeit für alle Sozialarbeitenden.

Die Diastase von Glaube und Sozialer Arbeit als Ideal oder Axiom ist problematisch: Sozialarbeitende können mit dieser Prämisse dem postulierten Grundsatz der Integration schwerlich nachzukommen. „Gläubige“ stehen vielleicht in der Gefahr, aus (Über-)Vorsicht und Angst vor Vorwürfen spirituelle Bedürfnisse beiseite zu lassen; so genannt „rein Professionelle“ können sie aus Unkenntnis, Desinteresse oder Unbeholfenheit brach liegen lassen. Jedenfalls werden körperliche Bedürfnisse von Klienten auch nicht „amputiert“ und der Medizin abgegeben. Ebenso wenig können deren spirituelle Bedürfnisse einfach separiert und vollständig delegiert werden – oder nur zum Schaden der „Verwirklichung des Menschseins“ und der Professionalität der Sozialen Arbeit.