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Spiritualität in der Sozialen Arbeit

Hektor Leibundgut war Dozent für Philosophie, Ethik und Theologie an der Hochschule für Sozialarbeit in Bern von 1983 bis 2008, Redaktor der Zeitschrift Reformatio von 1984 bis 2009 und Mitherausgeber der Gesamtausgabe von Kurt Martis Notizen und Details, 1964 – 2007 (tvz, Zürich 2010). Von ihm erschien dieses Jahr der Bildband „L’ Italia con gli occhi aperti. Italien mit offenen Augen. Fotografien 1967-2009“ (Stämpfli Verlag, Bern). Die Berner Kornhausgalerie zeigte die Ausstellung „Hektor Leibundgut. Fotografien 1970-2010“ (August/September 2011).

Ein modisch überstrapazierter Begriff
„Das Zeitungslesen des Morgens früh ist eine Art von realistischem Morgensegen. Man orientiert seine Haltung gegen die Welt an Gott oder an dem, was die Welt ist. Jenes gibt die selbe Sicherheit wie hier, dass man wisse, wie man daran sei“ (G.W.F. Hegel, aus dem Wastebook, 1803-1806)

Spiritualität gehört wie Kreativität und Ganzheitlichkeit zu jenen Wörtern, die ich höchstens ironischerweise verwende. In meinem engeren Freundeskreis kommen sie nicht vor. Gibt es etwa eine Soziologie der Spiritualität? Falls ja, kann man vermuten: sie ist ein Thema von Menschen in sozialen, pädagogischen, therapeutischen, kirchlichen Berufen oder eines alternativ angehauchten bürgerlichen Milieus. Das spricht nicht gegen sie, hilft aber zu ihrer Beschreibung. Interessant wäre zudem eine Phänomenologie der Spiritualität, also eine Sichtung all der Phänomene, in denen Spiritualität draufsteht. Weiter liessen sich mit einem systematischen Begriff von Spiritualität Phänomene erfassen, in denen sie zwar nicht draufsteht, wohl aber drin ist. Und schliesslich ergäben sich überraschende Einsichten, sobald man sie im Rahmen einer westeuropäischen Religions- und Kulturgeschichte betrachten würde. Denn Vieles an heutiger Spiritualität ist alles andere als neu, sondern tritt spätestens seit der Aufklärung, genauer: seit je immer von neuem auf: die Individualisierung, die Privatisierung, die Entkirchlichung und Entchristlichung, die Faszination fremder Religionen, die Esoterik. Die Religion, die Faust in der Gartenszene auf Gretchens Frage hin entwirft, ist auch die der Gegenwart: „Und wenn du ganz in dem Gefühle selig bist, /Nenn es dann, wie du willst: /Nenns Glück! Herz! Liebe! Gott! /Ich habe keinen Namen / Dafür! Gefühl ist alles; /Name ist Schall und Rauch, / Umnebelnd Himmelsglut.“
Spiritualität ist jedoch nicht nur ein esoterisches, sondern auch ein ausgesprochen christliches und kirchliches Bedürfnis. Das zeigen die Statements kirchlicher Praktikerinnen und Praktiker in diesem Heft und weiter all die Versuche, Spiritualität in der Kirche wieder zur Geltung zu bringen. Eine deutsche Kirche hat, paradox genug, gar einen „Beauftragten für Spiritualität“ angestellt. Im einst so nüchternen Protestantismus ist, wie H. Köpf schon 2004 feststellte, Spiritualität „geradezu ein Modewort geworden, das um so hemmungsloser gebraucht wird, je weniger man auf den Sinn seines Gebrauchs reflektiert“ (Art. Spiritualität, RGG, 4. A., Bd. 7, Sp. 1590). Irgendwo bedeutet sie „Auszeit für die Seele“, aber das gibt’s schon im Wellnessbereich des hintersten Kurhotels. Aus lauter Unkenntnis geht heute schnell vergessen, dass Spiritualität seiner Herkunft nach ein christlicher Begriff ist und ein Leben in und aus dem Heiligen Geist meint. Aber gewiss ist auch: Wem es einfallen sollte, morgens und abends oder gar bei Tische zu beten und als Zugabe mit der Familie noch Claudius’ Abendlied zu singen, ist nicht spirituell, sondern bloss fromm, traditionell, kirchlich wie Faustens Gretchen.

Der modisch überstrapazierte Begriff der Spiritualität steht für verschiedenste Phänomene und ist entsprechend schwer fassbar:

1. Spiritualität bezeichnet eine postmoderne, entkirchlichte, konfessionell ungebundene Religiosität, also die heutige Form eines seit der Aufklärung ständig präsenten Frömmigkeitstypus, der in vielen „Amateur- und Phantasiereligionen“ (E. Troeltsch) seinen Ausdruck fand und in der Anthroposophie zum Beispiel jetzt noch lebendig ist.
2. Spiritualität ist der Oberbegriff für esoterische Philosophien, Weltanschauungen und meist östliche Weisheiten, deren Literatur an Chestertons Satz denken lässt: „Sobald die Menschen nicht mehr an Gott glauben, glauben sie nicht an nichts, sondern an alles.“
3. Spiritualität bezeichnet eine Haltung eines Menschen, die den Gegensatz von kontemplativer und aktiver Geisteshaltung überwinden will, also „Folge und Ausdruck seines religiösen – oder allgemeiner: ethisch-engagierten Daseinsverständnisses“ (H.U. von Balthasar, zit. nach K.-F. Wiggermann, Art. Spiritualität, TRE, Bd. 31, 2000/2006, S. 709). So verstanden können auch ein Atheist oder ein Agnostiker spirituell leben, Frauen eine feministische Spiritualität entwickeln usw.
4. Spiritualität als Exerzitium, als Einübung in eine Lebensform und existentielle Grundhaltung, etwa durch Meditation, Gebet, Yoga oder Träumereien einsamer Spaziergänge.
5. Spiritualität als praktischer, ritueller Vollzug, in dem Sinnerfahrungen anschaulich erfahrbar und gemeinsam kommuniziert werden.

Eine allfällige Spiritualität in der Sozialen Arbeit begänne wohl beim dritten Punkt. Selbst wer nur auf dem allergewöhnlichsten Sozialdienst einer allerdurchschnittlichsten Gemeinde arbeitet, wird konfrontiert mit materieller Not, auswegslosen Situationen, fehlender Anerkennung, Einsamkeit, Erfahrungen von Sinnlosigkeit, Gewalt, Krankheit und was allem mehr. Die betroffenen Personen brauchen neben fachlich kompetenter Hilfe Anteilnahme, Einfühlung, Verständnis, Trost, Ermutigung und somit auch ein präsentes Gegenüber mit einem wie fragmentarisch auch immer ausgebildeten „ethisch-engagierten Daseinsverständnis". Das bringt man zur Hauptsache mit, muss es aber ausbilden (s. Punkt vier). Dazu können Kurse dienen (wie in diesem Heft beschrieben), doch im Normalfall geschieht dies über „funktionale Äquivalente“: durch Lebenserfahrungen, Begegnungen, Gespräche, Freundschaften oder durch säkulare Kunst und Lektüre: eine Erzählung Alice Munros führt in die Verwicklungen der Seele, ein Film wie Kaurismäkis Märchen „Le Havre“ ermutigt zum Handeln. Vielleicht beginnt eine alltägliche Spiritualität bereits auf dem Weg zur Arbeit, indem man sich nicht mit dem iPhone in der rechten, den „20 Minuten“ in der linken Hand und den Knöpfen im Ohr zerstreut, sondern statt dessen – wie der Abfahrer vor dem Start die Rennstrecke – den Arbeitstag, kommende Gespräche vor den Augen ablaufen lässt. Doch Halt! Womöglich gibt’s dies schon: „Zen in der Kunst des Multitaskings“.