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Kolumne zur Kritik an der Sozialen Arbeit

Johannes Schleicher

leitet den Fachbereich Soziale Arbeit an der Berner Fachhochschule. Er beschäftigt sich als Sozialarbeiter, Supervisor, Jurist und Hochschulmanager mit unterschiedlichen Kulturen diskursiver Wissens- und Willensbildung.
Entpört Euch!

Soziale Arbeit in der Kritik: muss mich das ein Berufsleben lang verfolgen? Warum muss das sein? Warum kommt die Soziale Arbeit nie zu jener Ruhe und Gesetztheit, wie sie andere Professionen kennen? Woher diese ständige Aufgeregtheit, woher die nimmermüde Selbstzerfleischung?

Es ist bekannt, dass nur wenig Menschen ihr Leben lang so links bleiben, wie sie es in jungen Jahren gewesen sind. Da läge ein Rückblick nahe auf die unterschiedlichen Perspektiven, aus denen wir Soziale Arbeit kritisiert haben, in Abhängigkeit immer von den Grossen Themen, die uns und die Welt bewegten und in Abhängigkeit auch von der jeweiligen Funktion, die wir ausübten, von der Position, die wir innehatten. Eine inter-subjektive, eine materialistische Geschichtsschreibung zur Sozialen Arbeit in der zweiten Hälfte des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts.
Eine solche Geschichte würde offenbaren, welche kontrafaktischen Vorgefasstheiten, wieviele Energien es uns abverlangte, uns unsere Aufgeregtheit über die jeweils herrschenden Zustände aufrechtzuerhalten.
Ist eigentlich Empörung Voraussetzung für ein berufslebenlanges Engagement in sozialen Fragen? Was macht sie mit unserer Urteilskraft?
Solange Empörung Verhaltensauffälligkeit bleibt im Berufsfeld, solange wird Soziale Arbeit nicht zur Profession, sondern sie bleibt Programm.
Um die sachliche Gelassenheit von Profis zu erlangen - und die Wertschätzung ihrer Expertise, die damit einhergeht - hat Soziale Arbeit ihr Verhältnis zur Politik zu klären. Zur Grossen Politik, zur Parteipolitik, aber auch zur Sachpolitik und zur Sozialpolitik. Sie darf es nicht länger sein, die es sich um ihrer vermeintlich besonderen Werthaltigkeit willen anmasst, der Politik bedeuten zu wollen, was richtig (gerecht) und was falsch (und ungerecht) sei. Denn auch wenn sie sich an Verteilungsproblemen abarbeitet: Soziale Arbeit ist nicht politischer und nicht moralischer als andere Disziplinen auch, als das Recht, die Medizin, die Molekularbiologie, die Baukunst.

Leidenschaft für die Sache selbst

Um unserer Glaubwürdigkeit willen: die ständige Bereitschaft zur Entrüstung über die Umstände möge der Leidenschaft weichen für die Sache selbst! Soziale Probleme sind unser Ding; wir sind aufgerufen, auf sie aufmerksam zu machen, ihre Entstehung vorauszusehen und zu erklären, zur Vorbeugung mit Rat und Tat beizutragen und ihre gesellschaftszersetzenden Wirkungen individuell und systembezogen zu lindern. Nicht weniger und nicht mehr.
An einer Veranstaltung linker Provenienz zum "Sozialabbau" habe ich mein Verlangen nach sachlicher Gelassenheit zusammengefasst in einigen wenigen, rhetorisch zugespitzten Hypothesen:

Entpört Euch! Manifest zur Karriere der Sozialen Arbeit


Sozialpolitik: Die Rede vom Leistungsabbau ist Ent-Täuschung oder Demagogie.
  • Das Sozialwesen wächst hierzulande seit 60 Jahren ohne nennenswerten Unterbruch - aber nie ohne Anfechtungen.
  • Steuerzahler und Stimmbürgerin erwarten von seiner Professionalisierung in erster Linie Effizienzsteigerung, nicht Mengenausweitung.
  • Professionalität meint eher Optimierung der Allokation des Vorhandenen denn einen Kampf um mehr.

Bildungspolitik: Die Soziale Arbeit hat Hochschulkarriere gemacht.
  • Die Ausbildungsstätten haben die bildungspolitischen Umwälzungen der letzten Jahrzehnte zum Vorteil der Sozialen Arbeit zu nutzen gewusst.
  • Die Professionalisierung der Sozialen Arbeit hat dem Bologna-Abkommen viel zu verdanken. Der Sozialstaat und seine Arbeitgeber werden das nur nach und nach zu schätzen lernen.

Berufspolitik: Entpolitisierung ist der Preis der Professionalisierung.
  • Die tapfere Fortschreibung eines politischen Selbstverständnisses der Sozialen Arbeit wird konterkariert durch die Hochschulkarriere der Profession: Wissenschaft statt Bekenntnis, Analyse statt Aktion.
  • Die Studierenden denken nicht weniger politisch, aber sie denken professioneller.
  • Im Studium wird schnell erkannt, dass die Attitüde der Empörung einem professionellen Habitus nicht ansteht.

Eclat, nicht Bewegung. Lorbeeren erntete mein Nachredner, der in altbekannter Manier und heiligem Zorn aufrief zu politischem Engagement und zur vertrauten Erregung.


Ein Beruf wie andere auch. Eine Theorie, die Antworten liefert und Orientierungen bietet.

Ich freue mich auf die Zeit, da juvenile Ideologisierung reifer Gelassenheit weicht und eine neue Sachlichkeit und Unbefangenheit des Blicks Kräfte freisetzt für die vorbehaltlose Auseinandersetzung mit den Erwartungen, wie sie berechtigterweise gegenüber Professionen gehegt werden.
Zum Beispiel:

Eine Theorie des Helfens

In einem afrikanischen Dorf steht ein wahrhaft bombastisches Monument aus teuerstem Carrara-Marmor, das an siegreichere Zeiten erinnern soll. Zu seinen Füssen kochen die Menschen ihren Hirsebrei mit Wasser aus den Strassenpfützen. Der Landstrich litt als einer der wenigen hier nicht unter unserem Kolonialismus, aber die Verantwortungsträger im Gemeinwesen geben sich seit einem halben Jahrhundert dem Millionensegen hin, der an Spendengeldern über sie hinabregnet, rübergeweht aus den Villenvierteln dieser Welt. Nicht nur Laien des Helfens beginnen sich zu fragen, ob das Selbstbestimmungsrecht des Hilfeempfängers eigentlich keine Grenzen kenne und wer sie zu setzen habe.
Mit derselben Frage gehen hierzulande Populisten auf Stimmenfang und die Profession der Sozialen Arbeit weiss kaum differenziertere Antworten als die dogmatische Feststellung, man dürfe Sozialhilfeempfänger nicht "bevormunden" und ihnen das Autofahren verbieten. Und überhaupt sei es selten, dass mit Sozialhilfegeldern Autos finanziert würden.
Das Ablegen von Vorgefasstheiten, das Überwinden von Tabus könnte Soziale Arbeit zur Pionierin machen bei der Entwicklung einer breit angelegten Theorie des Helfens und Entwickelns, zur Expertin für Subsidiarität.
Zur Spezialistin für Dynamik und Wirkung der Erwartungen zwischen menschlichen Systemen, die nicht auf Augenhöhe zueinander stehen können.

Vielleicht, zurück zur Ausgangsfrage, vielleicht muss Empörung doch sein. Vielleicht hilft sie verdrängen, was Soziale Arbeit ist - ganz schlicht: der Inbegriff eines helfenden Berufs.