AvenirSocial - Professionelle Soziale Arbeit Schweiz

SozialAktuell — Die Fachzeitschrift für Soziale Arbeit

Monatsthema:

Armut

Beobachten, analysieren, bekämpfen

Claudia Grebenarov und Christoph Mattes

Liebe Leserinnen und Leser,
Was ist Armut? Warum entsteht sie? Wie wird sie verhindert und bekämpft? Das Nationale Programm zur Prävention und Bekämpfung von Armut (NAP) sollte hier Licht ins Dunkel bringen. Ein finanziell sehr gut ausgestattetes Programm, das dieses Jahr zu Ende geht. Es wurden zahlreiche Studien und Berichte erstellt und vernehmlasst, Projekte finanziert, Vernetzungsanlässe initiiert und kurz vor Ende vom Bundesrat entschieden, dass es zumindest in kleinerem Umfang nochmals fünf Jahre weitergehen soll. Tönt erfolgreich. Gründe genug, ein Themenheft von SozialAktuell diesem Programm zu widmen.
Doch bei aller quantitativer Grösse des Programms war es auffallend schwer, Beiträge für dieses Heft zu finden. Vielfach erhielten wir keine Antwort, oder es wurden uns bereits in anderen Zeitschriften erschienene Artikel angeboten. «NAP was?» oder «Worum geht es da?», wurde häufig zurückgefragt. Vor allem, wenn wir Praxisinstitutionen anfragten, ob sie Folgerungen für ihre tägliche Arbeit in diesem Themenheft skizzieren könnten.
Wie ist das zu erklären? Am Bezug des Themas Armut zur Sozialen Arbeit kann es nicht liegen. Armut ist sozusagen die Wiege der Sozialen Arbeit, die die Notwendigkeit unserer Profession zeigt und uns einen entsprechenden gesellschaftlichen Stellenwert verleiht. Wenn wir für uns beanspruchen, dass die Soziale Arbeit eine zentrale Akteurin in der Bekämpfung von Armut ist, so mussen wir uns aber auch damit auseinandersetzen, dass Armut vielfach mehr verwaltet als erfolgreich bekämpft wird.
Das NAP, vom Bundesamt für Sozialversicherungen durchgeführt, bewegt sich weitgehend innerhalb der Ordnung von Föderalismus und öffentlicher Verwaltung und somit weit entfernt von Parteilichkeit und Gesellschaftskritik. Ein möglicher Grund, weshalb das NAP in der Praxis der Armutsbekämpfung durch die Soziale Arbeit in den letzten fünf Jahre nur bedingt angekommen ist.
Doch: «Nach dem Programm ist vor dem Programm.» In diesem Sinne möchten wir Ihnen mit diesem Heft aufzeigen, worum es ging, exemplarisch einzelne Themenbereiche vorstellen und nicht zuletzt sozialpolitische Folgerungen diskutieren.
Wir wünschen eine spannende und aufschlussreiche Lektüre.

Kolumne: von aussen betrachtet
Simon Chen,
Autor und Kabarettist


Reich mir deinen Arm

Kirchenmaus vs. Krösus




Ki: Oh Krösus, ich bitte um eine milde Gabe!
Kr: Geh doch arbeiten!
Ki: Als Kirchenmaus findet man heute keine Arbeit mehr. Aber du bist reich.
Kr: Ich leiste aber auch viel.
Ki: Ich auch. Ich leiste mehr, als du es könntest.
Kr: Wie bitte?
Ki: Ich leiste Verzicht. Das ist auch anstrengend.
Kr: Woher weiss ich, dass du wirklich arm bist? Kirchenmaus kann sich nennen, wer will.
Ki: Hier, mein Armutszeugnis.
Kr: Na schön. Und ich soll dir jetzt was geben?
Ki: Ich bitte darum. Wer gibt, dem wird gegeben.
Kr: Ich bin Krösus, ich habe schon alles.
Ki: Alles nicht.
Kr: Was soll ich denn nicht haben?
Ki: Nichts.
Kr: Eben.
Ki: Nein, das Nichts fehlt dir.
Kr: Das Nichts?
Ki: Schau, ich hab nichts. Aber ich brauche auch wenig. Ich bin arm, aber zugleich auch reich.
Kr: Versteh ich nicht.
Ki: Arm ist, wer sich nur noch den Verzicht leisten kann. Aber reich ist, wer arm ist an Bedürfnissen.
Kr: Und deshalb soll ich jetzt alles hergeben?
Ki: Nicht alles. Aber übe doch einfach mal.
Kr: Was soll ich üben?
Ki: Eben, den Verzicht. Nur mal zum Ausprobieren.
Kr: Na gut, hier hast du ein Stuck Käse. Ich hätt ihn gern selber gegessen, aber ich verzichte.
Ki: Oh armer Krösus, für dich ist dieses Käsestück ein kleiner Verlust, für mich aber ist es Gold wert.
Kr: Welch rasante Wertsteigerung, oh reiche Kirchenmaus!