AvenirSocial - Professionelle Soziale Arbeit Schweiz

SozialAktuell — Die Fachzeitschrift für Soziale Arbeit

Monatsthema:

Kinderrechte

Versprechen an die Zukunft

Marco Mettler

2019 jährt sich das Bestehen der UN-Kinderrechtskonvention zum dreissigsten Mal. Und am 24. Februar 1997 unterzeichnete auch die Schweiz dieses internationale Übereinkommen über die Rechte des Kindes. Als Mitarbeiter einer NGO, welche die Kinderrechte als Grundlage ihrer Arbeit sieht, war es mir ein Anliegen, dieses anstehende Jubiläum zum Anlass zu nehmen, um in diesem Heft dem Stand der Umsetzung von Kinderrechten in der Schweiz nachzugehen. Wie steht es – über zwanzig Jahre nach der Unterzeichnung – um die Rechte der Kinder in der Schweiz?
Dank der Konvention hat sich die Sicht auf die Kinder weltweit verändert. Kindheit wird als geschützter Lebensabschnitt definiert, und Kinder selbst werden seither als eigenständige Individuen anerkannt, die eine eigene Meinung haben und diese auch äussern dürfen. Und nicht nur das: Wenn es um Entscheidungen geht, welche die Zukunft der Kinder betreffen, haben diese ein ihrem Alter angemessenes Anhörungs- und Mitspracherecht.
Die Kinderrechte tragen auch zur Orientierung der demokratischen Erziehung von Kindern und Jugendlichen bei und legen für diese ein Fundament. Die demokratische Bildung der Kinder und Jugendlichen kann gelingen, wenn sie junge Menschen anregt, sich mit ihren Rechten auseinanderzusetzen. Umgekehrt ist ohne diesen Bezug auf eigene Rechte die demokratische Bildung von Kindern und Jugendlichen kaum vorstellbar. Denn gerade anhand der UN-Kinderrechtskonvention können Kinder und Jugendliche lernen, sich für ihre eigenen Interessen stark zu machen.
Letztlich ist demokratische Bildung aber nicht ein Privileg der jüngeren Generationen, sondern Voraussetzung für das Zusammenleben in einer offenen Gesellschaft und dadurch im Interesse aller, auch der Erwachsenen. Und das Wahren der Rechte der Kinder nimmt nicht zuletzt auch die Erwachsenen in die Verantwortung. So sind Kinderrechte Anlass und Grundlage, um Menschen aller Altersgruppen ihre komplexen Verantwortlichkeiten deutlich zu machen, die mit der Gewährleistung der Menschenrechte für Kinder verbunden sind. Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre.
Kolumne: von aussen betrachtet
Simon Chen,
Autor und Kabarettist


Kinderrechte hier und dort

Schweizerkind/Afghanenkind




S: Ich darf jeden Tag eine halbe Stunde fernsehen. Du?
A: Wann ich will. Aber unser Fernseher ist schon lange kaputt.
S: Ich darf einmal in der Woche wünschen, was es zu essen gibt.
A: Ich bin froh, wenn ich satt bin.
S: Ich darf schon ganz allein zur Schule gehen.
A: Ich darf gar nicht zur Schule gehen.
S: Echt?
A: Die Taliban haben unsere Schule geschlossen.
S: Das ist ja super, dann kannst du den ganzen Tag spielen!
A: Nein, ich muss arbeiten. Ich muss auf dem Markt Sachen verkaufen.
S: Du musst arbeiten?! Was ist mit deinen Eltern?
A: Meine Mutter arbeitet natürlich. Aber wir Kinder müssen auch, sonst reicht das Geld nicht.
S: Bei uns dürfen Kinder gar nicht arbeiten.
A: Ich möchte auch lieber lernen als arbeiten.
S: Meine Mutter arbeitet auch viel. Deshalb bin ich jeden Mittwochnachmittag bei meinem Schulkollegen.
A: Was ist mit deinem Vater?
S: Den sehe ich fast nie.
A: Warum?
S: Weil meine Eltern getrennt sind und meine Mutter nicht will, dass ich ihn sehe.
A: Verstehe ich nicht.
S: Ich auch nicht. Und dein Vater?
A: Der lebt nicht mehr. Er wurde getötet.
S: Oh! Warum?
A: Er war der Lehrer. Die Taliban haben gesagt: «Schliess die Schule!», und er hat gesagt: «Nein!»
S: Darfst du auch nicht Nein sagen?
A: Doch, aber es ist gefährlich. Und du?
S: Ich kann schon Nein sagen, aber es nützt nichts. Die Erwachsenen hören nicht auf mich, obwohl sie tausendmal mehr Nein sagen als ich. Ich sag dir, die Welt würde anders aussehen, wenn wir das Sagen hätten.
A: Glaub ich auch. Du könntest deinen Vater öfter sehen …
S: … und deiner würde noch leben.
A: Kinder an die Macht!
S: Recht hast du!