AvenirSocial - Professionelle Soziale Arbeit Schweiz

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SozialAktuell — Die Fachzeitschrift für Soziale Arbeit

Monatsthema:

Sexarbeit

(K)eine Arbeit wie jede andere?

Armin Eberli und Karin Meierhofer


Liebe Leserinnen, liebe Leser,
Haben Sie schon einmal Liebe beziehungsweise Sex gekauft oder gegen Bezahlung angeboten? Gemäss Aidshilfe Schweiz nimmt jeder fünfte Mann in der Schweiz mindestens einmal im Jahr die Dienste einer Prostituierten in Anspruch. Auch Frauen sind Kundinnen im Sexgewerbe. Wie oft sie einen Callboy buchen, schlägt sich in keiner Statistik nieder. Unbestrittener Fakt zum Thema käuflicher Sex ist: Selten bis nie sprechen Männer und Frauen über dieses intime und private Thema.
Die zahlreichen Angebote im Internet, in speziellen Häusern, auf offener Strasse, in seriösen und weniger seriösen Clubs, auf Strichplätzen, in Kontaktbörsen und unzähligen Inseraten sprechen für sich. Die Vielfalt der Bezeichnungen ebenfalls: vom Dirnenwesen übers Laufgeschäft und den Liebesdienst bis zum ältesten, ambulanten oder horizontalen Gewerbe.
Mit unserem Schwerpunkt suchen wir auf folgende Fragen Antworten:
Ist Prostitution bzw. Sexarbeit ein Gewerbe wie jedes andere, nur weil Steuerpflicht und Sozialabgaben auch hier gelten? Welche Arbeitsfelder ergeben sich für die Soziale Arbeit und die Seelsorge? Ist Prostitution ein soziales – und nicht nur ein privates – Problem? Welche Unterstützung brauchen und nutzen Prostituierte wirklich? Stärker noch als die weibliche ist die männliche Prostitution in unserer Gesellschaft tabuisiert. Was beschäftigt die männlichen Sexarbeiter? Handelt es sich bei den Dienstleistungen für Menschen mit Beeinträchtigungen von sogenannten BerührerInnen um eine Form von Prostitution? Ist Sexarbeit eine grundlegende Verletzung von Frauen- bzw. Menschenrechten und muss sie verboten werden? Oder soll man für die Anerkennung der Rechte von SexarbeiterInnen kämpfen?
Eine Vielzahl an Spannungsfeldern, auf welche unsere Autorinnen und Autoren eingehen.
Sex gegen Bezahlung ist eine Realität. Die käufliche Liebe hingegen
ist und bleibt eine Illusion. Käuflich ist höchstens die Illusion
der Liebe.
Wir wünschen Ihnen eine interessante Lektüre.

Kolumne: von aussen betrachtet
Simon Chen,
Verbalarbeiter mit Auftrittskompetenz

Ich bin nicht vom Fach ...
... aber relativ sicher, dass bei diesem Thema und in einem Sozialarbeiterheft Beratungsstellen und Unterstützungsvereine zu Wort kommen, deren Aufgabe und Ziel es ist, die Sexarbeit zu entstigmatisieren, die Arbeitsbedingungen von Prostituierten zu verbessern und ihr eigenverantwortliches Handeln zu fördern. Ich konzentriere mich im Folgenden auf den am weitverbreitesten Bereich dieser Tätigkeit, der Prostitution der Frau.
Ich frage mich: Sollte es nicht grundlegendes Ziel solcher Organisationen sein, die Frauen von diesem «Beruf» wegzubringen? Ich setze Beruf ganz bewusst in Anführungszeichen, denn seinen Körper Männern zur Verfügung zu stellen, verdient meiner Ansicht nach die Bezeichnung Beruf nicht. Nur weil es das angeblich älteste Gewerbe der Welt ist, muss es nicht bis in alle Ewigkeiten weiterexistieren. Auch nicht, weil es für bezahlten Liebensdienst offenbar eine Nachfrage gibt. Auch nicht, weil es vielen Männern die Möglichkeit gibt, ihre Triebe einigermassen kontrolliert zu befriedigen. Ich sehe nicht ein, dass Frauen dafür herhalten müssen. Es gibt sicher Frauen, die das freiwillig und sogar gern machen, so wie es auch andere Menschen mit ausgefallenen Neigungen gibt (Base Jumper, solche mit Ganzkörpertattoos, Nacktwanderer usw.). Aber es kann mir keine und keiner erzählen, dass die überwiegende Mehrheit der Prostituierten ihren Körper aus freiem Willen, statt aus Not und in vielen Fällen aus Zwang anbieten. «Ich habe mich entschieden, Sexarbeiterin zu werden», ist die eine, «denn ich will nicht von der Sozialhilfe abhängig sein» die andere Seite der Aussage. Selbstbestimmung ist anders. Das ist wie bei den Burkas: Man sollte Frauen von den Burkas befreien, nicht die Burkas tolerieren. Eine Entstigmatisierung führt meiner Meinung nach zu einer gefährlichen Verharmlosung dieses Berufs. Es kann doch nicht spurlos an einer Frau vorbeigehen, jahrelang als reine Ware angeschaut und benutzt zu werden, egal wie hygienisch, rechtlich abgesichert oder lukrativ das sein mag. Für mich gehört Prostitution in die Kategorie Kindersoldaten oder Kriegsdienst; sie verletzt die körperliche Integrität per se, ist eines Menschen unwürdig und gehört abgeschafft. Noch vor dem Kapitalismus. Es ist mir klar, dass das nicht von einem Tag auf den andern geht. Aber es müsste doch das (Fern-)Ziel sein, oder nicht? Damit das einmal keine Frau mehr machen muss bzw. wollen muss. Man kann Bedingungen noch so verbessern, die Grundsituation Prostitution bleibt eine schlechte. Meine Meinung.