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SozialAktuell — Die Fachzeitschrift für Soziale Arbeit

Monatsthema:

Achtsamkeit

Die Kunst der wertfreien Präsenz

Esther Forrer Kasteel und Karin Meierhofer


Achtsamkeit als Schwerpunktthema? Achtsamkeit? Was hat dieses Konzept in der Fachzeitschrift für Soziale Arbeit zu suchen? Wollen wir jetzt auch noch hip und hipster sein? Ja und nein.
Ja: Wir wollen als Mitglieder der Redaktionsgruppe aktuelle gesamtgesellschaftliche Strömungen aufnehmen und uns der Frage widmen, wie diese in die Soziale Arbeit einfliessen und sie beeinflussen.
Ja: Aus soziologischer, sozialarbeiterischer und historischer Sicht ist es spannend zu sehen, warum Achtsamkeit gerade in unserer Zeit so boomt. In einer Zeit, in welcher immer mehr Menschen unter Burn-outs – dies gerade auch in helfenden Berufen – leiden. In einer Zeit, in der wir immer mehr Einflüssen und Ansprüchen von aussen ausgesetzt sind, verlieren wir leicht den Kontakt zu uns. Dies kann ein Gefühl der Müdigkeit und der Leere hinterlassen. Hier kann das Konzept der Achtsamkeit sinnvoll angewendet werden, weil wir uns wieder mit dem verbinden, was uns wirklich tief berührt. Dieses Gefühl bringt uns in Kontakt mit dem, was uns wirklich wichtig ist.
Ja: Wir haben als Sozial Arbeitende eine Verantwortung für unseren Umgang mit den Mitmenschen. Wir übernehmen Verantwortung, indem wir uns selber besser kennen lernen und einen förderlichen Umgang mit uns selbst finden. Hier kann uns das Konzept der Achtsamkeit unterstützen, indem wir lernen, Emotionen zu tolerieren und zu differenzieren. Dies hilft uns wiederum, empathisch mit dem Gegenüber zu sein – ohne uns dabei selbst zu verlieren. Nein: Wir wollen nicht einfach nur hip sein. Aber wir freuen uns darüber, dass dieses sehr alte Konzept wieder in ist, und wünschen uns, dass es nicht nur das Glück der anderen fördert, sondern auch unser eigenes. Herzlichen Dank den Autorinnen und Autoren. Und viel Spass beim Lesen!

Kolumne: von aussen betrachtet
Simon Chen,
Verbalarbeiter mit Auftrittskompetenz

Ich bin nicht vom Fach...

... aber Achtsamkeit ist ja kein berufsspezifischer Begriff der Sozialarbeit. Ich zum Beispiel hasse Leute, die nicht achtsam sind. Menschen, die einfach mitten auf dem Perron stehenbleiben, wenn dein Zug anhält, die Tür aufgeht und du aussteigen möchtest. Bleiben wie Pflöcke stur vor der Tür stehen, als könntest du durch sie durchgehen. Rücken nicht einen Zentimeter vom Fleck und von ihrem obersten Ziel ab, als Erstes den Waggon zu besteigen und sich den besten Platz zu ergattern. Oder Menschen, die dir in der Beengtheit eines Trams mit ihrem Gepäckstück einen Bodycheck verpassen, weil sie nicht in Betracht ziehen, dass sich bei einer Umdrehung ihres Oberkörpers auch der daran befestigte ausladende Rucksack mit umdreht. Die das Ungeschick nicht einmal bemerken und meinen, nur eine Sitzlehne oder Haltestange angerempelt zu haben. Oder Menschen, welche vor dir an der Kasse anstehen, plötzlich einen Schritt zurückmachen und ganz überrascht sind, dass in einer Schlange jemand hinter ihnen steht.
Es sind Leute mit grosser Luftverdrängung, aber null Wahrnehmung für den Raum. Leute, für die auch im grössten Dichtestress ihre Mitmenschen nicht vorhanden zu sein scheinen. Situationsignoranten, die mit ihrer Leibesfülle omnipräsent, mit ihrem Bewusstsein jedoch völlig abwesend sind. Menschen, die trotz tadelloser Seh- und Hörkraft agieren, als wären sie taub und blind und dazu noch allein auf dieser Welt.
Ich mag sie nicht, diese stumpfen Zeitgenossen, die mit ihrem unachtsamen Verhalten den Flow der Zeit unterbrechen und den Strom der Bewegungen stören. Ich verachte unachtsame Menschen, welche keine Augen im Hinterkopf haben und daher auf nichts und niemanden Rück-Sicht nehmen! Wehe, wenn mir wieder so ein Pflock von einem Menschen in die Quere kommt – er soll sich in Acht nehmen! Was mich betrifft, ich versuche stets, mit offenen Sinnen durchs Leben zu gehen und mich des gesamten Sensoriums zu bedienen, das mir zur Verfügung steht und das über das reine Sehen und Hören, über das beschränkte Blickfeld hinausgeht. Ich bin natürlich kein Übermensch, selbstverständlich passiert es auch mir zuweilen, dass ich unachtsam bin. Vermutlich ernte ich dann ebenfalls verächtliche Blicke meiner Mitmenschen. Und wenn ich die dann nicht einmal wahrnehme – dann will ich hier nichts gesagt haben …