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Kolumne: von aussen betrachtet (Lernende Organisationen)

Kolumne von Simon Chen

Simon Chen


ist Verbalarbeiter mit Auftrittskompetenz.
Ich bin nicht vom Fach...
...aber aus sprachlicher Sicht missfallen mir Formulierungen wie «lernende Organisationen». Das Partizipialattribut «lernende» passt meinem Sprachgefühl nach nicht zum Substantiv Organisationen. Es gibt lernende Schüler, lernende Studierende (zwei Partizipialformen nacheinander; sprachlich unschön, dafür politisch hochkorrekt), auch Lehrer und Professorinnen können sich noch weiterbilden und somit Lernende sein.
Aber lernende Organisationen? Was soll eine lernende Organisation sein? Eine Organisation, welche die Schulbank drückt? Eine Organisation, die eine Lehre macht oder zur Uni geht? Die Mitglieder einer Organisation können lernen, ihre EntscheidungsträgerInnen können lernen – aber doch nicht die Organisation an sich! Das erinnert mich an den Satz «Die Gesellschaft ist schuld.» Man kann nicht die Schuld auf etwas schieben, das nur abstrakt existiert. Die Gesellschaft gibt es nicht, bzw. sie ist nur die Gesamtheit von Tausenden oder Millionen von Individuen. Genauso ist auch eine Organisation vielleicht eine Körperschaft, aber eben kein Körper, der aktiv handeln kann. Eine Organisation kann gegründet, geführt oder ausgezeichnet werden, aber lernen kann sie nicht. Eine Kinderkrippe kann ja auch nicht gehen lernen, weil es einzelne ihrer Betreuten tun.
Wäre ja noch schöner, wenn es anders wäre. Wenn Organisationen lernen könnten, könnten auch Verbände lernen, Parteien könnten lernen, Parlamente und Regierungen könnten lernen und die Gesellschaft könnte lernen. Und am Ende würde sogar die ganze Welt lernen. Die Politik könnte lernen, dass es nicht um Macht geht, sondern um Machen. Die Menschheit könnte lernen, dass sie dem Abgrund zusteuert, wenn sie weiterhin Konflikte mit Gewalt zu lösen versucht. Die Welt könnte lernen, dass sie bald kollabiert, wenn sie sich weiter so erwärmt.
Aber bedauerlicherweise kann nur der einzelne Mensch lernen. Und angesichts des derzeitigen politischen und gesellschaftlichen Zustandes macht es leider nicht den Anschein, dass viele EntscheidungsträgerInnen dazu in der Lage sind. Kommt dazu, dass unser Leben und seine Zusammenhänge so undurchschaubar, die Politik so kompliziert und die Gesellschaft so unübersichtlich geworden sind. Da könnte man Lust bekommen, erstmal alles nochmal neu zu organisieren. Ob man das lernen kann?