AvenirSocial - Professionelle Soziale Arbeit Schweiz

Kolumne: von aussen betrachtet (Sexarbeit)

Kolumne von Simon Chen

Simon Chen


ist Verbalarbeiter mit Auftrittskompetenz.
Ich bin nicht vom Fach...
...aber relativ sicher, dass bei diesem Thema und in einem Sozialarbeiterheft Beratungsstellen und Unterstützungsvereine zu Wort kommen, deren Aufgabe und Ziel es ist, die Sexarbeit zu entstigmatisieren, die Arbeitsbedingungen von Prostituierten zu verbessern und ihr eigenverantwortliches Handeln zu fördern. Ich konzentriere mich im Folgenden auf den am weitverbreitesten Bereich dieser Tätigkeit, der Prostitution der Frau.
Ich frage mich: Sollte es nicht grundlegendes Ziel solcher Organisationen sein, die Frauen von diesem «Beruf» wegzubringen? Ich setze Beruf ganz bewusst in Anführungszeichen, denn seinen Körper Männern zur Verfügung zu stellen, verdient meiner Ansicht nach die Bezeichnung Beruf nicht. Nur weil es das angeblich älteste Gewerbe der Welt ist, muss es nicht bis in alle Ewigkeiten weiterexistieren. Auch nicht, weil es für bezahlten Liebensdienst offenbar eine Nachfrage gibt. Auch nicht, weil es vielen Männern die Möglichkeit gibt, ihre Triebe einigermassen kontrolliert zu befriedigen. Ich sehe nicht ein, dass Frauen dafür herhalten müssen. Es gibt sicher Frauen, die das freiwillig und sogar gern machen, so wie es auch andere Menschen mit ausgefallenen Neigungen gibt (Base Jumper, solche mit Ganzkörpertattoos, Nacktwanderer usw.). Aber es kann mir keine und keiner erzählen, dass die überwiegende Mehrheit der Prostituierten ihren Körper aus freiem Willen, statt aus Not und in vielen Fällen aus Zwang anbieten. «Ich habe mich entschieden, Sexarbeiterin zu werden», ist die eine, «denn ich will nicht von der Sozialhilfe abhängig sein» die andere Seite der Aussage. Selbstbestimmung ist anders. Das ist wie bei den Burkas: Man sollte Frauen von den Burkas befreien, nicht die Burkas tolerieren. Eine Entstigmatisierung führt meiner Meinung nach zu einer gefährlichen Verharmlosung dieses Berufs. Es kann doch nicht spurlos an einer Frau vorbeigehen, jahrelang als reine Ware angeschaut und benutzt zu werden, egal wie hygienisch, rechtlich abgesichert oder lukrativ das sein mag. Für mich gehört Prostitution in die Kategorie Kindersoldaten oder Kriegsdienst; sie verletzt die körperliche Integrität per se, ist eines Menschen unwürdig und gehört abgeschafft. Noch vor dem Kapitalismus. Es ist mir klar, dass das nicht von einem Tag auf den andern geht. Aber es müsste doch das (Fern-)Ziel sein, oder nicht? Damit das einmal keine Frau mehr machen muss bzw. wollen muss. Man kann Bedingungen noch so verbessern, die Grundsituation Prostitution bleibt eine schlechte. Meine Meinung.