AvenirSocial - Professionelle Soziale Arbeit Schweiz

Kolumne: von aussen betrachtet (Gesundheitsförderung und Prävention)

Kolumne von Simon Chen

Simon Chen


ist Verbalarbeiter mit Auftrittskompetenz.
Ich bin nicht vom Fach...
...aber ich werde wie alle permanent nach meinem Befinden befragt. «Wie gehts?». Egal ob der Fragende es gar nicht so genau wissen und der Gefragte keine ehrliche Antwort geben will – die Frage «Wie gehts?» gehört zu unseren Kommunikationskonventionen wie das «Gesundheit!» nach einem Nieser.
Ausser beim Doktor. Natürlich, auch ein Arzt erkundigt sich nach dem Ergehen seiner Patientin. Aber die Frage bezieht sich meist nur auf den Körperteil, dessentwegen sie ihn aufgesucht hat; der Magen, die Haut, das Bein. Aber selten stellt ein Schulmediziner die Frage im Sinne von «Wie gehts Ihnen sonst?». Im Alltag wird die Frage pro forma und redundant gestellt, aber ausgerechnet dort, wo die Frage relevant wäre, wird sträflich auf sie verzichtet! Als gäbe es keinen Zusammenhang zwischen psychischer Verfassung und physischem Zustand. Als würde man seine Psyche an der Garderobe abgegeben. Auch wenn ein EKG keinen Liebeskummer erfasst, und auf einem Röntgenbild der Leber die Laus, die darüber läuft, nicht sichtbar ist; es ist allgemein bekannt, dass Stress oder Depressionen sich auch in Rückenbeschwerden oder Hautsymptomen äussern können. Der Mensch besteht nun mal aus Körper und Geist. Ich finde es unmöglich, dass eine Ärztin, auch wenn es nur um ein Ekzem am linken Daumen geht, nicht den ganzen Menschen anschaut, das müsste eine berufliche Selbstverständlichkeit sein. Es heisst bekanntlich Sprechstunde und nicht Untersuchungsstunde. Ein Sozialarbeiter ignoriert ja auch nicht das soziale Umfeld des Klienten.
Aber statt auch nach psychischen Ursachen zu suchen, ist die Untersuchung nach zehn Tarmed-Minuten, einer schnellen Diagnose und der Verschreibung eines teuren Medikaments vorbei. Der Arzt weiss auf den Rappen genau, was ihm der Patient schuldet, aber nicht wie es ihm eigentlich geht.
Klar, auch der Arzt ist unter Druck, die enormen Grundkosten einer Praxis wollen gedeckt sein, er hat nicht viel Zeit, und draussen warten weitere Patienten. Ein Arzt hat immer Stress. Wie es ihm wohl dabei geht?