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Kolumne: von aussen betrachtet (Asylwesen)

Kolumne von Simon Chen

Simon Chen


ist Verbalarbeiter mit Auftrittskompetenz.
Ich bin nicht vom Fach...
...aber es gibt Themen, die gehen alle etwas an. Erinnert ihr euch an meine April-Kolumne vom letzten Jahr zum Thema Flüchtlinge? Damals gab ich meiner Hoffnung Ausdruck, das Thema möge in einem Jahr vielleicht nicht mehr so omnipräsent sein. Natürlich war meine Hoffnung vergebens. Flüchtlinge und damit Asylsuchende sind immer noch ein Riesenthema; ob es jetzt 20 Prozent mehr oder 10 Prozent weniger sind als im gleichen Vorjahresquartal, ist nicht wesentlich. Ich weiss nicht so recht, was ich über dieses Thema noch schreiben könnte, das nicht schon hundertfach geschrieben worden ist. Das Grundproblem scheint mir die Unvereinbarkeit der zwei Blickwinkel, aus denen man das Thema anschauen kann: generell und individuell. 20 000 Asylsuchende sind eine Gruppe, 20 000 Asylsuchende sind aber auch 20 000 Einzelfälle. Jede Masse besteht aus Einzelteilen. Alle, die im Lotto leer ausgehen, sind ja auch Einzelfälle; zwar sind sie alle Verlierer, aber jeder von ihnen hat auf andere Zahlen getippt. Nun kann die offizielle Asylpolitik aus nachvollziehbaren Gründen nicht für jeden einzelnen Fall eine individuelle Regelung finden. In einer Demokratie zählt zwar jede einzelne Stimme, aber schlussendlich muss jede und jeder sich der Mehrheit und den daraus resultierenden Gesetzen beugen. Ebenso unumstösslich ist aber auch die Tatsache, dass jeder Einzelne dieser geflüchteten Menschen seinen persönlichen Grund hatte, hierherzukommen. Man kann alle in den Topf «Menschen» schmeissen, aber damit hat es sich dann auch schon. Vor dem Hintergrund dieser unvereinbaren Gegensätze von Masse und Individuum, von Politik und Einzelschicksal werden zuweilen sehr merkwürdige, willkürlich anmutende Entscheidungen gefällt. Auf dem Papier statistisch, im Einzelfall aber tragisch. Ich gebe Deutschunterricht für Flüchtlinge. P., eine junge Frau aus einem afrikanischen Land, kommt seit Kurzem nicht mehr. Sie wurde wegen des Dublin-Abkommens nach Italien ausgeschafft. Jahrelang hat sie in der Schweiz Deutsch gelernt, ihre Kinder gingen hier zur Schule. Jetzt kann sie wieder von vorne beginnen. Sowas macht mich sprachlos. Deutsch zu verstehen, ist für einen Flüchtling schwierig. Jetzt, wo ich sie vermitteln soll, merke ich, wie kompliziert unsere Sprache ist. Aber man kann sie lernen. Schwieriger sieht es mit unserer Asylpolitik aus – ich wäre jedenfalls nicht imstande, sie irgendwem zu vermitteln. Jetzt hab ich doch etwas geschrieben. 2400 Zeichen. In meiner Muttersprache. In meinem Heimatland. Als ob das selbstverständlich wäre.
In der Sozialarbeit sieht das anders aus, hier dürften weibliche Vertreterinnen in der Mehrheit sein. Aber auch hier gibt es ein Machtgefälle. Die Sozialarbeiterin hat Macht gegenüber ihrem Klienten. Das ist aber bei allen Berufen so. Die Ausführende, Gelernte, Studierte, die Professionelle hat immer Macht gegenüber dem, der etwas von ihr will. Die Verkäuferin hat Macht gegenüber dem Konsumenten; sie kann ihn warten lassen. Der Pilot hat Macht gegenüber dem Passagier (Beispiel erübrigt sich). Die Lehrerin hat Macht gegenüber dem Schüler; sie benotet ihn. Als Bühnenkünstler habe ich Macht gegenüber meinem Publikum; je nach Gutdünken kann ich es belustigen oder irritieren. Und auch als Kolumnist. Da bin ich zwar dem Heftthema unterworfen – auch wenn es ohne mein Wissen geändert wird. Aber ich habe Macht gegenüber Ihnen, meinen Leserinnen und Lesern: Ich kann euch hier die Schlusspointe, die ihr jetzt vielleicht erwartet, einfach vorenthalten.