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Kolumne: von aussen betrachtet (Macht)

Kolumne von Simon Chen

Simon Chen


ist Verbalarbeiter mit Auftrittskompetenz.
Ich bin nicht vom Fach...
...und leider auch nicht von der Redaktion. Deswegen habe ich erst vom geänderten Schwerpunktthema dieses Heftes erfahren, als ich meine Kolumne zum Thema Sprachregionen abgeliefert hatte. Und obwohl das Versäumnis aufseiten der Redaktion war, war ich machtlos; ich musste gleich noch mal eine Kolumne schreiben, diesmal zum Thema Macht.
Macht kommt von machen. Oder von machen lassen. Wer viel und gut macht, der sammelt Erfahrung, steigert seine Kompetenz, gewinnt somit an Einfluss und damit an Macht. Und wer Macht hat, hat Entscheidungsgewalt und kann auch machen lassen. Zum Beispiel in der Politik. Damit ein Politiker aber Politiker sein kann, muss er erst gewählt werden. Die Macht liegt also zuerst beim Stimmvolk. Je mehr und öfter Wählerinnen und Wähler einen Politiker wählen, desto mehr gewinnt er an Macht, desto höher steigt er auf der Karriereleiter. Aber je höher das Amt eines Politikers, je mehr Menschen er also vertritt, desto mehr entfernt er sich gleichzeitig von ihnen – oben der Spitzenpolitiker, unten das Volk (das kompensieren dann einige damit, dass sie umso populistischer politisieren). Er sitzt auf seiner Machtposition und redet und überlässt das Machen denen, die ihm unterstellt sind. Liebe Frauen, natürlich meine ich auch Politikerinnen, aber hier ist die männliche Schreibweise leider recht zutreffend, denn je höher das Amt, desto weniger Frauen.
In der Sozialarbeit sieht das anders aus, hier dürften weibliche Vertreterinnen in der Mehrheit sein. Aber auch hier gibt es ein Machtgefälle. Die Sozialarbeiterin hat Macht gegenüber ihrem Klienten. Das ist aber bei allen Berufen so. Die Ausführende, Gelernte, Studierte, die Professionelle hat immer Macht gegenüber dem, der etwas von ihr will. Die Verkäuferin hat Macht gegenüber dem Konsumenten; sie kann ihn warten lassen. Der Pilot hat Macht gegenüber dem Passagier (Beispiel erübrigt sich). Die Lehrerin hat Macht gegenüber dem Schüler; sie benotet ihn. Als Bühnenkünstler habe ich Macht gegenüber meinem Publikum; je nach Gutdünken kann ich es belustigen oder irritieren. Und auch als Kolumnist. Da bin ich zwar dem Heftthema unterworfen – auch wenn es ohne mein Wissen geändert wird. Aber ich habe Macht gegenüber Ihnen, meinen Leserinnen und Lesern: Ich kann euch hier die Schlusspointe, die ihr jetzt vielleicht erwartet, einfach vorenthalten.