AvenirSocial - Professionelle Soziale Arbeit Schweiz

Kolumne: von aussen betrachtet (Digitale Medien)

Kolumne von Simon Chen

Simon Chen


ist Verbalarbeiter mit Auftrittskompetenz.
Ich bin nicht vom Fach...
...und kann mir unter digitaler Sozialer Arbeit auf Anhieb nicht viel vorstellen. Aber schliesslich gibt es bei der Kirche schon lange die SMS-Seelsorge, es gibt digitale Polizisten, da wird auch die Social- App nicht fern sein.
Denken wir aber noch einen Level weiter: Die Soziale Arbeit verlagert sich ganz in den virtuellen Raum, weil sich auch ihre Klienten dahin geflüchtet haben. Menschen wie zum Beispiel Nick (Nickname). Nick fehlen in der harten Realität echte menschliche Beziehungen, er ist durch das soziale Netz gefallen, und deshalb vertraut er sich jetzt den sogenannt sozialen Netzwerken an. Er lässt sich in die unendlichen Tiefen des Internets fallen und verfängt sich schnell und rettungslos in den engen Maschen des World Wide Web. Statt in seiner 1-Zimmer-Wohnung in den Fernseher zu starren, wandelt er jetzt halb blind und taub durchs Leben; seine Finger tasten über kalte Oberflächen, seine Augen spiegeln sich in Displays und Screens, seine Ohren sind mit Kopfhörern verstopft. Nach jahrelanger Einsamkeit und Ausgrenzung ist er zum digitalen Vorzeigeimmigranten geworden: Er kommuniziert nur noch mit Menschen, die abwesend sind.
Aber bald wird der in der realen Welt verschupfte Nick auch in der virtuellen schikaniert. Er wird Opfer von Cybermobbing. Mit SMS, Chatnachrichten und Facebook-Einträgen wird er blossgestellt, es werden Gerüchte über ihn verbreitet, er wird bedroht und erpresst. So wie früher auf dem Pausenplatz, nur dass es jetzt tausendmal mehr Leute erfahren.
Jetzt tritt der digitale Sozialarbeiter auf den Plan. Der fachhochschulstudierte Cyber-Troubleshooter eilt Nick zu Hilfe. Virtuell, aber professionell engagiert. Er vermittelt, kommentiert, chattet und postet, um Nick aus der Schusslinie zu nehmen. Er erntet dafür Likes, aber auch Hasskommentare. Allmählich gelingt es ihm, das Vertrauen seines Schützlings zu gewinnen. Bis dieser ihm eines Tages endlich den kleinen digitalen Finger (lat. digitus = Finger) gibt und sich von ihm sanft von der virtuellen in die reale Welt zurückführen lässt. Der digitale Sozialarbeiter kann Nick dazu bewegen, sich auszuloggen und seine Accounts zu löschen. Der Stress und die Angstzustände wegen des Internetterrors lassen rasch nach. Nick muss jetzt aber auch mit der knallharten Erkenntnis klarkommen: Wer im World Wide Web nicht erscheint, existiert nur in Wirklichkeit.
Wie es in der Realität weiterging: Hier klicken.