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Kolumne: von aussen betrachtet (Religion)

Kolumne von Simon Chen

Simon Chen


ist Verbalarbeiter mit Auftrittskompetenz.
Ich bin nicht vom Fach...
...aber ich wurde einst getauft und habe so meine Erfahrungen mit Religion gemacht. Ich habe als Kind täglich in der Bibel gelesen und allabendlich gebetet, war in der Jungschar (eine Art christliche Pfadi), aber der Funke des Glaubens wollte nie auf mich überspringen, es kam nie ein Kontakt mit Gott zustande. Es war, wie wenn einer jahrelang im Fussballclub trainiert und doch nie ein Tor zustande bringt.
Der Glaube hat für mich irgendwann an Reiz verloren, die Religion ist ein Reizthema geblieben. Eins ist für mich klar: Der Umstand, dass es verschiedene Religionen gibt, von denen jede für sich beansprucht, den einen und einzigen Gott anzubeten; ebenso die Tatsache, dass unsere christliche Kirche in eine katholische und eine protestantische und darüber hinaus in eine Unzahl weiterer Splittergruppen unterteilt ist, beweisen, dass Gott ein Konzept der Menschen ist. Selbst die mir sympathischere Ansicht, wonach alle Menschen zum gleichen Gott beten, zeigt ebenso, dass Religion eben Ansichtssache und in höchstem Masse eine Frage der menschlichen, individuellen Interpretation ist. Doch wahrlich, eines hat die Religion der Wissenschaft voraus: Da sie auf dem Glauben beruht, ist ein Gott unwiderlegbar.
Wenn Gott auch eine Erfindung des Menschen ist, muss das nicht zwingend heissen, dass Religion an sich etwas Sinnloses oder gar Verwerfliches ist. Aus dem Glauben an eine höhere Macht kann auch Gutes erwachsen. Ist die christliche Nächstenliebe etwa nicht das höchste Gebot für unser Zusammenleben? Ein Gebot, das leider zurzeit und weltweit auf höchster politischer Ebene sträflich vernachlässigt wird.
Die Kirche als Gebetshaus spielt eine immer geringere Rolle, aber wenn sie umso mehr soziale Aufgaben übernimmt, erhält sie wieder Legitimation. Denn was ist Soziale Arbeit anderes als angewandte Barmherzigkeit? (Dass ihr damit auch noch Geld verdient, ja nun vergelts Gott …). Ich glaube, der Glaube an einen Gott kann einem Menschen Halt oder sogar Haltung geben. Andere treiben Sport, machen Yoga oder Politik.
Dennoch denke (nicht glaube) ich, Religion muss Privatsache bleiben. Jeder Glaube ist individuell. Religion darf keine Erwartungen und Ansprüche an andere stellen. Religion kann von mir aus Mittel zum Zweck sein. Und der Zweck heiligt bekannter- und hier passenderweise die Mittel.