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Kolumne: von aussen betrachtet (Psychische Erkrankungen)

Kolumne von Simon Chen

Simon Chen


ist Verbalarbeiter mit Auftrittskompetenz.
Ich bin nicht vom Fach...
...aber ich hab auch eine Psyche. Ich hab mal nachgeschaut, was das Wort bedeutet. Psyche kommt aus dem Altgriechischen und heisst ursprünglich Atem, Hauch. So gesehen leidet ein psychisch Kranker unter nichts anderem als unter Atemnot, er kriegt nicht genügend Luft. Oder die Luft, welche er einatmet, ist verpestet. Oder sein Atemrhythmus stimmt nicht mehr. Oder vielleicht bekommt er zu viel Luft und droht zu platzen wie ein Luftballon; er wird die Luft, die er sich einverleibt hat, nicht mehr los und erstickt an sich selbst.
Luft. Der Mensch lebt mit und in ihr, er geht in sie hinein und durch sie hindurch, und so wird diese Luft zum Atem, zum Lebenshauch, den er in sich aufnimmt. Er filtert aus der Luft, was gut ist für ihn, und gibt den Rest wieder heraus. Einatmen, ausatmen. Die Luft steht auch für das, was aussen ist, für die Umgebung eines Menschen. Sie beinhaltet seine Umwelt und seine Mitmenschen.
Luft. Im Wind zeigt sie Kraft. Im Duft Zauber. Und im Atem Leben. Und Leben heisst einerseits Einflüsse aufnehmen und andererseits sich zum Ausdruck bringen. Input, Output. Das Leben ist ein Geben und Nehmen, und diese zwei Pole müssen in Balance sein, damit der Mensch ausgeglichen ist und sich physisch und psychisch gesund fühlt. Wer frei atmen will, muss aus den Untiefen seiner Probleme auftauchen, muss das Blatt vor seinem Mund entfernen, den Kloss im Hals auflösen, die Last auf der Brust loswerden, er muss sich von seiner Beklemmung befreien.
Bei physischen Atembeschwerden gibt es technische Hilfen: Mundschutz, Schnorchel, Sauerstoffmaske, Beatmungsgerät, Asthmasprays. Aber bei psychischer Atemnot ist immer noch die Mund-zu-Mund-Beatmung durch einen «Bademeister der Seele» am wirkungsvollsten, d. h. die menschliche Zuwendung, die professionelle Beratung durch einen Psychotherapeuten. Er kann dem nach Luft und Leben Schnappenden helfen, seine Atemwege freizulegen. Denn durch den Hauch eines lieben Wortes kann ein Mensch seine Lebensgeister wieder zurückerlangen. Um dann mit einem sanften Ausatmer eine Seifenblase aufzublasen …