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Kolumne: von aussen betrachtet (Betreuung)

Kolumne von Simon Chen

Simon Chen


ist Verbalarbeiter mit Auftrittskompetenz.
Ich bin nicht vom Fach...
...und so versteh ich vom Schwerpunktthema dieses Heftes nur Bahnhof. Zum stationären Bereich fällt mir nur Spital ein. Aber da ich bis jetzt zum Glück selten im Spital gewesen bin, fällt mir auch dazu wenig ein. Ausser folgender Episode: Es war vor rund 13 Jahren, ich befand mich in einem Theaterengagement in der deutschen Provinz. Beim Badmintonspielen hatte ich mir die Achillessehne gerissen, wurde operiert und musste ein paar Tage im Krankenhaus verbringen. Zur Vorbeugung von Thrombose erhielt ich Injektionen. Eines frühen Morgens, es war vielleicht 6 Uhr, betrat die Krankenschwester ohne zu klopfen mein Zimmer. Ich wachte trotz ihrem diskreten Eintreten auf, liess mir aber nichts anmerken und stellte mich schlafend. Ich erwartete, dass sie mich gleich wecken würde. Fehlanzeige. Ohne meine vermeintliche Nachtruhe zu stören, schlich sie sich an mein Bett, hob mein Spitalhemd sorgfältig an und setzte mir ganz heimlich eine Spritze ins Unterfettgewebe meines Bauches und verschwand so leise, wie sie gekommen war!
Es tat zwar nicht weh – weswegen ich die Krankenschwester auch nicht mit einem entsprechenden Aufschrei hätte zu Tode erschrecken können –, aber diese unangemeldete Spritze ging mir dennoch etwas unter die Haut. Diese geradezu einbrecherische Stippvisite zeigte mir, wie man als Eingelieferter den Spitalangestellten wehrlos ausgeliefert ist. Offenbar ist für sie der Schlaf gleichwertig wie eine Narkose. Einerseits war ich beeindruckt über diese nonchalante Art störungsfreier Behandlung, dennoch überwog meine Empörung darüber, dass mich die anonyme Krankenschwester sozusagen im Schlaf niedergestochen hatte. Ich fühlte mich leicht geschändet.
Da hab ich vielleicht auch gedacht, ob diese Art der Patientenpflege zu einer neuen Entwicklung im stationären Bereich gehört. Dieses Erlebnis im Morgengrauen verblasste allerdings schnell, denn als ich ein paar Tage später entlassen wurde, gab man mir ein Spritzenset mit nach Hause und trug mir auf, mir die tägliche Thrombose-Injektion zu Hause selbst zu setzen. Und obwohl ich nun vom Profipersonal wusste, dass das eine Kleinigkeit ist, wenn man es kurz und schmerz- bzw. gefühllos vollstreckt, brauchte ich jedes Mal richtig viel Überwindung und noch mehr Anläufe, bis ich es schaffte, mir die Nadel in den Bauch zu rammen. Rückblickend war mir die kalte, unpersönliche Professionalität im stationären Bereich des frühmorgendlichen Krankenhauses dann doch lieber gewesen.