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Kolumne: von aussen betrachtet (Offene Arbeit mit Kindern)

Kolumne von Simon Chen

Simon Chen


ist Verbalarbeiter mit Auftrittskompetenz.
Ich bin nicht vom Fach...
...aber Offene Arbeit mit Kindern sagt mir als zweifacher Vater auch etwas. Ich bin freischaffend und mein Büro ist bei mir zu Hause. Der andere Raum ist Wohn- und Ess-, aber auch Spiel- und nachts Schlafzimmer für meine Kinder. So ist es nicht verwunderlich, dass bei uns die Grenzen zwischen Arbeits- und Kinderzeit recht fliessend sind, ich betreibe zeitlich wie räumlich eine sehr offene Arbeit mit meinen Kindern. Meine Selbstständigkeit überträgt sich zum Glück immer mehr auch auf meinen Nachwuchs. Sie lassen mich über weite Strecken nicht nur in Ruhe, sie schliessen sogar die Tür zu, um in Ruhe spielen zu können: Eintreten unerwünscht. So komm ich auch an meinen Kindertagen zwischendurch zum Arbeiten. Natürlich haben meine zwei Mädels an den Papitagen Priorität, und der Zutritt in mein Arbeitszimmer ist für sie niederschwellig und ohne vorherige Anmeldung möglich. Ich muss jederzeit damit rechnen, dass die Tür aufgeht und eine Sekunde später, mitten im Satz, die eine auf meinem Schoss sitzt, während die andere hinterrücks auf meine Schulter klettert. Solche Überfälle während der Arbeit empfinde ich jeweils als sehr störend, aber es ist Teil des Spiels. Meine ältere Tochter (9) begegnet meinem Ärger dann jeweils sehr altklug: «Das isch ebe so wämmer Chind hät.» Recht hat sie.
Ich halte nicht viel von der sogenannten Quality time, bei der Arbeit- und Kinderzeit streng getrennt sind, bei der Papi zwischen Nachtessen und Insbettgehen mit seinen Kindern ganz bewusst eine halbe Stunde verbringt, ganz einfach weil er sonst nie zu Hause ist. Vaterschaft ist für mich Alltag, nicht Quality time, denn Quality time hielte keiner Quantitätskontrolle stand. Für Kinder ist die Präsenz des Vaters wie Süssigkeiten: Viel ist gut. So wie Ersatzfussballer nur Ersatzfussballer sind, sind Wochenendväter eben nur Wochenendväter. Denn die Zeit mit deinen kleinen Kindern, das Erleben und Begleiten ihrer Entwicklung mit allen Hochs und Tiefs kannst du nicht nachholen. Auch nicht im Ruhestand. Die Kinder, die du dann hütest, sind deine Enkel. Den Lohn für mein 50%-Papipensum in der offenen Heimarbeit mit meinen Kindern erhalte ich zudem von ihnen selbst, unmittelbar und direkt, und nicht erst am Monatsende. Mir jedenfalls ist es lieber, von meinen Kindern nicht in meine Stube gelassen zu werden oder bei der Arbeit gestört zu werden, als abwesend zu sein, denn – Moment! Die Tür geht auf ...