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Kolumne: von aussen betrachtet zur Kriso

Kolumne von Simon Chen

Simon Chen


ist Verbalarbeiter mit Auftrittskompetenz.
Ich bin nicht vom Fach...
... aber Spezialist, wenn es darum geht, über Dinge zu schreiben, die ich nicht kenne. Zum Beispiel den Begriff Kriso. Das Schöne an einer Abkürzung ist, dass sie die Fantasie anregt: Kribbelsoda, Kriegssolidarität, Kristallsofa, Krillsosse, Kriemhild-Sonate (Wagner). Aber selbs verständlich ist für mich als Autor auch die seriöse Recherche ein wichtiges Werkzeug. Ich wikipediere also: Karl Kriso war ein österreichischer Mechaniker, Hochschullehrer und Rektor der Deutschen Technischen Hochschule in Brünn.
Nun ja.
Als Nächstes fällt mir «Kruso» ein, der Roman von Lutz Seiler, Gewinner des Deutschen Buch- preises 2014. Kruso ist auch ein Kürzel, es steht für Alexander Krusowitsch, welcher laut Klappentext die zweite Hauptfigur Ed «einweiht in die Rituale der Saisonarbeiter und die Gesetze ihrer Nächte». Krusos Utopie ist es, «jeden Schiffbrüchigen des Landes (und des Lebens) in drei Nächten zu den ‹Wurzeln der Freiheit› zu führen.» Kruso ist also eine Art Sozialarbeiter. Wir kommen der Sache näher. Bei Kri denke ich spontan an Krise. Krisensozialarbeit. Was dem Wesen der Sozialen Arbeit ja sehr nahekäme. (Kriso wäre in diesem Sinne also verwandt mit Kripo).
Nun, KriSo heisst offenbar kritische Soziale Arbeit. Was aber nicht bedeutet, dass die Bedeutung hiermit klar wäre. Ich zitiere Kurt Wyss, Büro für Sozialforschung, Zürich: «Es wären zwei grundlegende Verständnisse von kriti- scher sozialer Arbeit zu unterscheiden, nämlich einerseits eine kritische soziale Arbeit als eine kritische Theorie der sozialen Arbeit und ande- rerseits eine kritische soziale Arbeit als eine von der vorherrschenden sozialen Arbeit kri- tisch sich absetzende soziale Arbeit.» Weils so schön war noch einmal mit anderen Worten: Die kritische Theorie stellt die Soziale Arbeit grundsätzlich infrage, wohingegen die kritische Soziale Arbeit der vorherrschenden, an- geblich «unsozialen» Sozialen Arbeit eine «soziale» soziale Arbeit entgegenstellen will. Alles klar. Die grosse Gefahr besteht laut Wyss da- rin, dass das eine Verständnis von kritischer Sozialer Arbeit gegen das andere ausgespielt wird. «Beides gleichzeitig ist zu betreiben im Wissen darum, dass das eine das andere immer auch infrage stellt. Der Zwang zu solcher Schi- zophrenie liegt in der in sich widersprüchlichen Sache selber. Es gilt, sie auszuhalten.»
Mein Güte, ein Glück bin ich nicht vom Fach! (Und «Kruso» hab ich auch nicht gelesen.)