AvenirSocial - Professionelle Soziale Arbeit Schweiz

Kolumne: von aussen betrachtet (Jugend und Exklusion)

Kolumne von Simon Chen

Simon Chen


ist Verbalarbeiter mit Auftrittskompetenz.
Ich bin nicht vom Fach...
... aber was Kinder betrifft eben doch ein we­ nig. Jedenfalls meine eigenen Kinder. Eltern sind ja durchaus auch Sozialarbeiter, denn auch die einfachsten Kinder sind manchmal schwierig. Zum Beispiel bei der Vermittlung sozialer Kom­petenzen. Etwa das mit dem Besitz und mit dem Teilen. So muss unser «Klient» – sobald er in ein bestimmtes Alter kommt – lernen, dass er nicht mehr alles wahllos an sich nehmen darf. Wir erklären unserem Kind, dass es ein Meins gibt und ein Deins. Wir beugen damit vor, dass es später zum Dieb wird, denn Er­ziehung wie Soziale Arbeit «verbindet die Prä­vention und Lösung sozialer Problemlagen mit Bildungs­ und Erziehungsprozessen, die Men­schen befähigen sollen, diese Problemlagen aktiv und als Subjekte ihres Lebens zu bewälti­ gen». Sobald unser liebes Subjekt das Prinzip des Eigentums verinnerlicht hat, entwickelt es nun aber möglicherweise das, was auch der Sozial­arbeit zugrunde liegt: ein Bewusstsein für so­ziale Ungerechtigkeit. Denn warum, so fragt es sich, hat der Bub da so einen schönen Bagger mit Raupenketten und ich nur einen mickrigen Kipplader? Wenn unser Kind hingegen selbst in die benei­ denswerte Lage kommt, im Sandkasten auf der Seite der Gewinner zu stehen und im Besitz des tollen Baggers zu sein, dann wird es folgerich­tig diesen Schatz gemäss der gelernten Meins­ Deins­Regel dem Zugriff fremder Kinderlang­ finger entziehen. Eine Handlungsweise, die uns ach so sozialen Erziehungsberechtigten dann aber auch wieder nicht gefällt. Jetzt fordern wir unser Kind näm­ lich auf, den anderen Bub doch auch kurz mal mit dem Bagger spielen zu lassen. Denn wir wollen nicht, dass unser Spross ein Egoist wird, unser Ziel ist es vielmehr, ihn zu einem rück­sichtsvollen, empathischen Menschen heranzu­ ziehen, der wie in der Sozialen Arbeit «dazu beiträgt, die Chancengleichheit benachteiligter und ausgegrenzter sozialer Gruppen in der Ge­ sellschaft zu erhöhen». Fazit: Für das Kind auf dem Spielplatz ist es ge­ wiss kein Kinderspiel, solche Widersprüche ein­ zuordnen und auszuhalten. Das Beispiel zeigt, Erziehung ist eine Herausforderung; für die Eltern sowieso, aber auch für das Kind. Doch wenn sie gelingt und Kinder dazu befähigt, «Problemlagen aktiv und als Subjekte ihres Lebens zu bewältigen», dann ist es die beste Sozialarbeitsprophylaxe! (Übrigens: Die obigen Zitate sind allesamt ge­stohlen.)