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Kolumne: von aussen betrachtet (Suizid und Suizidalität)

Kolumne von Simon Chen

Simon Chen


ist Verbalarbeiter mit Auftrittskompetenz.
Ich bin nicht vom Fach...
... und habe zum Glück eine Carte blanche. Das heisst, ich bin nicht verpflichtet, eine Kolumne zum Thema des Heftes zu schreiben. Was mir in diesem Fall auch etwas schwerer fiele als sonst. Denn meine Texte haben meist einen gewissen Humor. Beim Thema Suizidalität nähme dieser Humor aber schnell mal die Farbe der Druckerschwärze an, was vielleicht nicht ganz angebracht wäre. Es gibt beim Thema Selbstmord einfach keinen positiven Aufhänger – autsch! –, Ihr seht, was ich meine ... Ausser vielleicht eine schönere Bezeichnung. Ich empfinde Lebensmüdigkeit jedenfalls als weitaus angenehmeres Wort als Suizidalität. Suizidalität tötelet schon als Wort, ich höre scharfe Klingen und sehe grell erleuchtete In- tensivstationen. Zu müde, um zu leben, ist zwar von der Bedeutung her auch sehr hart, aber vom Klang doch recht weich. Der Begriff Lebensmüdigkeit birgt zudem noch eine gewisse Hoffnung. Müde ist zwar ein kraftloser Zustand, aber kein Endstadium. Wenn einer nur müde ist, besteht zumindest die Möglichkeit, dass er sich noch aufmuntern, aufrütteln, aufwecken lässt. Es ist jedenfalls noch keiner an Müdigkeit gestorben, er hat höchstens ein bisschen länger geschlafen. Lustigerweise sind die an sich viel eindeutigeren Begriffe todmüde und sterbensmüde wiederum ganz harmlos. Sie bedeuten nicht zu müde zum Sterben, sondern nur sehr, sehr müde. Tod und sterben dienen hier ganz ein- fach als Verstärkung. Wenn meine Töchter abends nicht ins Bett wollen, sagen sie: «Wir sind noch todwach!» Das könnte uns in diesem Kontext doch Mut machen ... Nun, ein wahrhaft Lebensmüder hat sicherlich keine Musse für solche sprachlichen Spitzfin- digkeiten. Sein einziger Wunsch ist es, in den Armen von Schlafes Bruder ewigen Frieden zu finden. Aber es ist und bleibt todtraurig, im Streit mit dem Leben aus demselben zu scheiden. Das sollte nicht sein, das gilt es zu verhindern. Seien wir unseren gefährdeten Mitmenschen deshalb hellwache, aufmerksame Brüder und Schwestern, achten wir auf Zeichen ihrer Lebensmüdigkeit, auf dass wir rechtzeitig den Wecker betätigen. Ein Lebensmüder, der den letzten Schritt nicht macht; ein Hoffnungsloser, der statt von der Brücke dem Tod von der Schippe springt, kann ein neues Leben beginnen. Ein Leben wie eine Carte blanche.