AvenirSocial - Professionelle Soziale Arbeit Schweiz

Kolumne: von aussen betrachtet (Sozialhilfe)

Kolumne von Simon Chen

Simon Chen


ist Verbalarbeiter mit Auftrittskompetenz.
Ich bin nicht vom Fach...
... deswegen werde ich auch dieses Heftthema von einer anderen Seite angehen: Liebe Lese­ rinnen und Leser, wenn ich schreibe Sommer und euch auffordere, den Begriff mit einem Wort zu ergänzen, um damit ein neues Doppel­ wort zu kreieren, dann würdet ihr z.B. sagen Ferien, Vogel, Loch, sodass Sommerferien, Sommervogel, Sommerloch herauskäme. Wenn ich nun den Begriff Sozialhilfe als Ausgangs­ wort nehme, dann würden es viele von euch Fachleuten wahrscheinlich mit Empfänger oder Anspruch ergänzen, also Sozialhilfeanspruch und Sozialhilfeempfänger (gern auch mit ge­ schlechtergerechtem ­Innen). Wenn ich nun aber eine repräsentative Anzahl von Normalbürgern bitten würde, das Wort So­ zialhilfe zu erweitern, würden, behaupte ich jetzt mal, die meisten Missbrauch oder Betrü­ ger nennen. Und noch mehr würden es denken. Vielleicht sogar jene, die Empfänger oder An­ spruch gesagt haben. In einem Land wie der Schweiz, wo Fleiss und Disziplin grossgeschrieben werden, ist man der Sozialhilfe gegenüber im besten Fall tolerant eingestellt. Aber eigentlich denkt man: wer in einem so gut funktionierenden Staat in Sozial­ hilfeabhängigkeit gerät, der muss auch ein bisschen selber schuld sein. Oder unfähig. Oder faul. Und schon ist man beim Missbrauch und bei den Betrügern! Aber es gibt ihn natürlich, den Sozialhilfemiss­ brauch, und es gibt sie, die Sozialhilfebetrüger. Und selbstverständlich auch die Sozialhilfebe­ trügerinnen. Von links gesehen sind es bedauerliche Aus­ nahmen, wie es sie überall gibt. Ausnahmen, welche die Regel bestätigen, und die Regel ist einer der besten Sozialstaaten der Welt. Von rechts gesehen darf es aber keine schwarzen Schafe geben, und weil es sie doch gibt, wird die ganze Institution infrage gestellt. Lustigerweise haben ausgerechnet die Sozial­ hilfebetrüger einen neuen Job kreiert: den des Sozialdetektivs. Und wer würde sich dafür bes­ ser eignen als jemand, der das System von in­ nen, von der Kundenseite her, kennt, also ein ehemaliger Sozialhilfeempfänger? Oder noch besser: ein Sozialhilfebetrüger! Das ist die Lö­ sung: der Sozialhilfebetrüger wird zum Sozial­ detektiv befördert, das schwarze Schaf wird zum Schäferhund! Zwei Fliegen auf einen Schlag, und alle sind zufrieden, von links bis rechts! Aber bei aller Polemik, vergessen wir die Rela­ tionen nicht: Sozialhilfemissbrauch ist nur der kleine Bruder der Steuerhinterziehung; es geht einfach nicht um so viel Geld.