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Kolumne: von aussen betrachtet (Flucht)

Kolumne von Simon Chen

Simon Chen


ist Verbalarbeiter mit Auftrittskompetenz.
Ich bin nicht vom Fach...
...aber ich weiss, dass eine Redaktion das Schwerpunktthema eines Heftes schon lange im Voraus festlegen muss. Dies in der Hoffnung, dass das Thema bei Erscheinen immer noch aktuell ist. Leider ist es das in diesem Fall tatsächlich immer noch. Kaum ein Wort ist zurzeit omnipräsenter als Flüchtling. Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat Flüchtlinge denn auch zum Wort des Jahres 2015 gekürt. Und merkt an, Flüchtling sei heute kein teilnahmsvolles Wort mehr, sondern ein abschätziges. Man denke nur an analoge Bildungen wie Eindringling, Feigling, Emporkömmling oder Schreiberling, die alle negativ konnotiert sind. Die Gesellschaft für deutsche Sprache empfiehlt, Flüchtling durch Geflüch­tete zu ersetzen.
Vor 20 Jahren wurde das Wort Rentnerschwemme zum Unwort des Jahres gewählt. Jetzt kursiert der Begriff Flüchtlingsschwemme, der zwar genauso politisch unkorrekt, aber gleichzeitig zutreffender ist, wird doch eine Unzahl von Flüchtlingen in ihren Gummibooten tat- und buchstäblich angeschwemmt.
Wie auch immer die von den Strapazen Gezeichneten bezeichnet werden, die gerade eine gefährliche Überfahrt überlebt haben – wie sie in einer Sprache, die ihnen völlig fremd ist, genannt werden, ist ihnen vermutlich so gleichgültig wie der Name der Insel, auf der sie gestrandet sind.
Auf der anderen Seite der Strandlinie fällt das ebenso redundante Wort Flüchtlingskrise. Gemeint ist die kritische Lage, in die wir Aufnahmeländer wegen der Flüchtlingsschwemme geraten. Ein sehr überheblicher Begriff, denn wer in einer Flüchtlingskrise in erster Linie in der Krise ist, sollte eigentlich klar sein ...
Trotz alledem, ich finde Flüchtling der Bedeutung zum Trotz eigentlich ein schönes Wort. Flüchtling tönt wie Säugling, Schütz­ling, Liebling, Täufling, Neuankömmling. Was diese Begriffe mit Flüchtling verbindet: Sie haben alle einen Beiklang von Abhängigkeit. Mit anderen Worten: Flüchtlinge sind auf uns angewiesen und brauchen unsere Hilfe!
Hoffen wir, dass in einem Jahr nicht mehr die ganze Zeit von Flüchtlingen geredet und geschrieben wird. Und zwar nicht, weil wir vor lauter Gewöhnung nichts mehr davon wissen wollen, sondern weil die Flüchtlingsschwemme, pardon, die Flüchtlingsströme tatsächlich versiegt sind.
In der Zwischenzeit wünsche ich allen – egal ob Sonder- oder Flüchtling – einen einzigartigen, hoffnungsvollen Frühling!