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Kolumne: von aussen betrachtet (Achtsamkeit)

Kolumne von Simon Chen

Simon Chen


ist Verbalarbeiter mit Auftrittskompetenz.
Ich bin nicht vom Fach...
... aber Achtsamkeit ist ja kein berufsspezifischer Begriff der Sozialarbeit. Ich zum Beispiel hasse Leute, die nicht achtsam sind. Menschen, die einfach mitten auf dem Perron stehenbleiben, wenn dein Zug anhält, die Tür aufgeht und du aussteigen möchtest. Bleiben wie Pflöcke stur vor der Tür stehen, als könntest du durch sie durchgehen. Rücken nicht einen Zentimeter vom Fleck und von ihrem obersten Ziel ab, als Erstes den Waggon zu besteigen und sich den besten Platz zu ergattern. Oder Menschen, die dir in der Beengtheit eines Trams mit ihrem Gepäckstück einen Bodycheck verpassen, weil sie nicht in Betracht ziehen, dass sich bei einer Umdre- hung ihres Oberkörpers auch der daran befestigte ausladende Rucksack mit um- dreht. Die das Ungeschick nicht einmal bemerken und meinen, nur eine Sitzlehne oder Haltestange angerempelt zu haben. Oder Menschen, welche vor dir an der Kasse anstehen, plötzlich einen Schritt zurückmachen und ganz überrascht sind, dass in einer Schlange jemand hinter ihnen steht. Es sind Leute mit grosser Luftverdrängung, aber null Wahrnehmung für den Raum. Leute, für die auch im grössten Dichtestress ihre Mitmenschen nicht vorhanden zu sein scheinen. Situationsignoranten, die mit ihrer Leibesfülle omnipräsent, mit ihrem Bewusstsein jedoch völlig abwesend sind. Menschen, die trotz tadelloser Seh- und Hörkraft agieren, als wären sie taub und blind und dazu noch allein auf dieser Welt. Ich mag sie nicht, diese stumpfen Zeitgenossen, die mit ihrem unachtsamen Ver- halten den Flow der Zeit unterbrechen und den Strom der Bewegungen stören. Ich verachte unachtsame Menschen, welche keine Augen im Hinterkopf haben und da- her auf nichts und niemanden Rück-Sicht nehmen! Wehe, wenn mir wieder so ein Pflock von einem Menschen in die Quere kommt – er soll sich in Acht nehmen! Was mich betrifft, ich versuche stets, mit offenen Sinnen durchs Leben zu gehen und mich des gesamten Sensoriums zu bedienen, das mir zur Verfügung steht und das über das reine Sehen und Hören, über das beschränkte Blickfeld hinausgeht. Ich bin natürlich kein Übermensch, selbstverständlich passiert es auch mir zu- weilen, dass ich unachtsam bin. Vermutlich ernte ich dann ebenfalls verächtliche Blicke meiner Mitmenschen. Und wenn ich die dann nicht einmal wahrnehme – dann will ich hier nichts gesagt haben ...