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Kolumne: von aussen betrachtet (Existenzsicherung)

Kolumne von Simon Chen

Simon Chen


ist Verbalarbeiter mit Auftrittskompetenz.
Ich bin nicht vom Fach...
...aber auch ich habe eine Existenz, die es zu sichern gilt. Plus noch zwei Kinder, die nicht nur leben, sondern auch noch wach- sen wollen. Als Wortkünstler und Kabarettist kann ich sie zwar unterhalten, aber ich muss sie auch ernähren. Ich kaufe und zahle Alimente (lateinisch alimentum = Nahrungsmittel) und koche und beherberge sie. Als selbstständig Erwerbender ohne festes Ein- kommen heisst Existenzsicherung für mich, genügend Auftrag- geber zu haben. Damit ich als Bühnenkünstler hinter dem Vorhang hervortreten (lateinisch existere) kann, bin ich darauf angewiesen, dass Veranstalter mich buchen. Für andere hingegen bedeutet Existenzsicherung etwas ganz an- deres. Für einen Bauern etwa heisst Existenzsicherung sieben Tage Ar- beit in der Woche und Subventionen aus Bern. Für einen Base- jumper bedeutet Existenzsicherung in erster Linie, dass er heil un- ten ankommt. Falls nicht, muss ein Notfallarzt dessen Existenz- sicherung übernehmen. Ebenso kümmern sich Sozialhilfebeamte oder Entwicklungshelfer um die Existenzsicherung anderer, sie sorgen dafür, dass ihre Schützlinge ein einigermassen würdevolles Leben führen können. Für die Existenzsicherung eines vom Un- wetter zerstörten Handwerksbetriebs muss wiederum die Ver- sicherung eintreten. Für die Existenzsicherung eines Sportclubs braucht es Investoren, und damit eine Grossbank nicht Pleite macht, muss der Staat mit Milliarden einspringen. Eigentlich geht es bei der Existenzsicherung um das Minimum, das einer für ein einigermassen anständiges Leben braucht. Aber alles ist relativ, selbst das absolute Minimum. Ist es nicht erstaunlich, wie wenig man in jungen Jahren braucht, um zufrieden zu sein, und wie schnell es geht, bis man auf einmal das Dreifache für das Mindeste hält? Der Standard, den ein 40-jähriger Angestellter für eine Selbstverständlichkeit hält, wäre für ihn 15 Jahre zuvor, als er noch im Studium war, ein Luxus gewesen. Und für den Obdach- losen dagegen bedeutet Existenzsicherung schlicht etwas zum Essen, die eine oder andere Flasche Bier, im Sommer eine Brücke und im Winter ein Bett im Männerheim. Wo der Wohlstand auf- hört und die Existenzsicherung beginnt, hängt sehr davon ab, ob man schon je echte Not erlebt hat. So, ich muss. Meine Kinder kommen nach Hause, sie sind sicher halb am Verhungern!