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Kolumne zur historischen Schuld und Verantwortung

Schuld, Schulden und Entschuldigungen
Vielleicht war es Bundeskanzler Willy Brandt, der mit seinem berühmten Kniefall 1970 in Warschau die Idee ins Leben rief, dass sich heutige Amtsträger für Untaten ihrer Vorgänger entschuldigen können. Seither entschuldigen sich landauf, landab Staatspräsidenten, Päpste und Bundesräte für vergangenes Unrecht, z. B. 1986 Bundesrat Alfons Egli für die Beteiligung des Bundes an der Aktion «Kinder der Landstrasse» oder 2000 Papst Johannes Paul II. in einem Bussgottesdienst für nicht näher benannte Verbrechen der katholischen Kirche. 2013 entschuldigte sich der US-Senat für das Unrecht der Sklaverei, ebenso Serbien für das Massaker von Srebrenica, der südafrikanische Präsident Frederik de Klerk für die Apartheidpolitik, und Simonetta Sommaruga äusserte an die Adresse administrativ Verwahrter: «Für das Leid, das Ihnen angetan wurde, bitte ich Sie im Namen der Landesregierung aufrichtig und von ganzem Herzen um Entschuldigung.»

Wie viel sind solche Entschuldigungen Wert?

Im Falle der Klagen von Naziopfern gegen Schweizer Banken 1,25 Milliarden Franken. Die Opfer des Hilfswerks «Kinder der Landstrasse» erhielten vom Schweizer Parlament elf Millionen Franken zugesprochen. Dagegen verweigerte das Parlament 2004 Zahlungen an zwangssterilisierte Frauen und Männer. Der deutsche Ethikrat empfahl 2012, intersexuelle Menschen für die Folgen von Operationen zu entschädigen. Bisher bekam aber einzig eine intersexuelle und ohne ihre Einwilligung operierte Frau vom Landgericht Köln 100 000 Euro Schmerzensgeld zugesprochen. Derzeit verhandeln ehemals administrativ Verwahrte mit Bundesvertretern über eine Entschädigung für das staatlich verursachte Leid.
Für die Betroffenen sind Entschuldigung und Rehabilitation von immenser immatrieller Bedeutung, und allzuoft leben sie gerade infolge ihrer erlittenen Traumata auch in materiell prekären Verhältnissen.
Meist sind die Entschuldigungen von wissenschaftlicher Aufarbeitung begleitet. Heute weiss man, wie viele Kinder das Hilfswerk Pro Juventute ihren fahrenden Eltern weggenommen hat, nämlich 586. Man meint zu wissen, wie viele Flüchtlinge während des Zweiten Weltkrieges an Schweizer Grenzen abgewiesen wurden: 30 000 gemäss dem Film «Akte Grüninge», 24 500 gemäss Bergier-Bericht, etwa 5000 gemäss Genfer Studie (Flückiger und Bagnoud, 2000) und maximal 3500 gemäss Weltwoche. Und man weiss, dass man nie exakt wissen wird, wie viele Menschen Opfer von Zwangssterilisationen wurden.

Wer trägt die Verantwortung für den Zeitgeist?

Entschuldigungen beurteilen mit heutigen Massstäben das vergangene Leben, lassen nachträglich den ehemaligen Konsens falsch und das einstmals Deviante legitim werden. Heute beispielsweise ist es kaum mehr nachvollziehbar, dass das Schweizer ZGB Eltern bis 1978 nicht nur ein ausdrückliches Züchtigungsrecht zuerkannte, sondern dieses für vereinbar mit dem Kindeswohl hielt, dass ehelich und unehelich geborene Kinder einen dramatisch unterschiedlichen Status in der schweizerischen Gesellschaft hatten oder dass eine Mehrheit tatsächlich glaubte, Frauen und Schwarze seien dümmer als weisse Männer. Wenn wir nachträglich Opfer anerkennen, entstehen auch rückwirkend Täter: Müssten also die Gemeinderäte und Amtsvormünder, die Bauernfamilien, Polizisten und Anstaltsleiter, die Ärzte, Lehrerinnen, Richter, Sozialarbeiterinnen, die Wissenschaftler und Pfarrer
früherer Jahrzehnte als Verbrecher vor Gericht gestellt werden?

Historische Aufarbeitung ist wichtig – kein Zweifel. Aber sie sollte nicht zur trügerischen Selbstgerechtigkeit verleiten, dass wir heute bessere Menschen sind. Dieselbe Gesellschaft, die sich von früherer administrativer Verwahrung distanziert, ist gerade damit beschäftigt, immer mehr präventive Verwahrung zu fordern. Heute ist es nicht schwierig, mit einem Juden befreundet zu sein, mit einem Pädophilen hingegen schon. Und die Flüchtlinge sehen anders aus und kommen von anderswo her, aber die Vorurteile ihnen gegenüber sind weitgehend dieselben geblieben. Die Soziale Arbeit, wenn sie denn die Bezeichnung Menschenrechtsprofession verdient, muss unbequemerweise
gerade für jene Menschen einstehen, denen der Zeitgeist ihre Menschlichkeit abspricht.


Ursula Christen

arbeitet als Dozentin an der Hochschule für Soziale Arbeit Wallis (HES-SO). Sie ist Mitglied der Redaktionsgruppe von SozialAktuell.