AvenirSocial - Professionelle Soziale Arbeit Schweiz

Kolumne zu Hochschulen und die Praxis

...sed vitae discimus

Skizzen eines genuin sozialpädagogischen Lern- und Lehrverständnisses


Wie lernen wir und lehren wir Leben Lernen? Das Leben mit Behinderung, das Leben in Konsumrausch und Einsamkeit, das Leben mit seinem täglichen Schrecken? Wie lernen wir, was wir brauchen und wie lehren wir, was sie – die SozialpädagogInnen – brauchen?

Da ist einmal das eine, die sicheren Säulen einer modernen Berufsausbildung:
1. Kompetenz: Eine Kompetenz bezeichnet die erfolgreiche Bewältigung einer Situation durch das Mobilisieren von geeigneten Ressourcen. (Le Boterf, 2000)
2. Ressourcen: Um in einer Situation, bzw. einem Situationstyp kompetent handeln zu können, muss man über Ressourcen verfügen (deklarative, externe, normative und prozedurale Ressourcen).

Berufsbildung heisst: Vermittlung und Aktivierung dieser Ressourcen, sowie Training und Transfer der entwickelten Kompetenzen. Als Leistungsnachweise dienen u.a. die gezielte Performanz dieser Kompetenzen (Kompetenznachweise, Simulationen). Damit sind wir auf der sicheren Seite: Wir können jeden Beruf anhand der verlangten Kompetenzen und Arbeitsprozesse analysieren. Und wir haben ein gutes Richtmass für Unterricht und Praxisausbildung. Das Problem ist nicht dieses Modell an sich. Es ist schlüssig, logisch und technisch genug, um zu quantifizieren. Das Problem sind die Lücken in solchen Modellen. Besonders dann, wenn es sich um eine Ausbildung zu einem Beruf handelt, der sich mit dem Leben und dem Leben lernen beschäftigt. Da muss noch etwas sein und zwar nicht als Lückenfüller und kosmetische Fakultativkorrektur. Sondern genuin und als übergeordneter Lehrplan, unter dessen Zeichen der gesamte Rest steht. Das Leben als holistisches Thema. Das Leben als das, worum sich der ganze Kompetenzenkatalog schlussendlich dreht.

Ein Beispiel: Natürlich kann man den Ansatz der Lebensbewältigung nach Böhnisch systematisch im Unterricht durchnehmen. Aber auch dann ist nicht gesagt, dass man das Leben und Leben können besprochen hat, denn die übergeordnete Frage ist damit nicht gestellt und ebenso wenig beantwortet. Sie lautet: Was will man mit diesem Unterricht erreichen? Was soll im lernenden Individuum entstehen? Soll es den Stoff so assimilieren, dass es nachher performen kann? Soll sich der Lernende, der doch so gerne und oft auch so lautstark sich als Subjekt seines Lernens deklariert, als braves Objekt des Unterrichts verhalten? Oder ist da mehr? Ist da eine Lehrperson, die überzeugt ist davon, dass ihr Unterrichtsmaterial und ihre Unterrichtsart von sich bildenden und sich bilden wollenden Subjekten genutzt werden kann, um ihre Bildung ein Stück vorwärts zu bewegen?

Bildung ist das Resultat von ‚sich Bilden’ und ‚sich Bilden wollen’. Das beste Essen hat keinen Verwertungs- ja nicht einmal einen bereichernden Effekt, wenn jemand nicht hungrig ist. Beim Lernen geschieht eine Adaptation im Sinne Piagets – sowohl Assimilation als auch gleichzeitig Akkommodation. Somit ist die erfolgte Bildung im Subjekt verankert und ist mehr als die unmittelbar daraus folgende Performanz. Sie erfolgte als Ausbildung von Strukturen (etwas checken, das dann für eine Vielzahl der Fälle sowohl horizontal als auch vertikal transferiert werden kann).
Daraus folgt: Bildung ist nicht additiv sondern multiplikativ (wenn ich etwas checke, habe ich mein Wissen multipliziert). Damit ist sie sehr ökonomisch und hochgradig effizient.

Der gute alte Eidos

Wo aber steckte die Bildung, bevor sie das Subjekt (der Lernende) in sich aufgerichtet hat? War sie im vermittelten Stoff? Ist sie von der Lehrperson auf die Studierenden quasi übergeschwappt, weil sie mit allen didaktischen Wassern gewaschen ist? Und – die Frage aller Fragen: Kommt sie wirklich von aussen auf den Lernenden zu und landet irgendwie magisch in ihm drin?
Hier bietet es sich an, auf Platon und Aristoteles zurückzugreifen. Sie sprechen vom eidos als der jedem Ding innewohnende Gestalt. Diese Idee können wir gut gebrauchen, um eine Vorstellung zu unterstützen, die wir uns von wirklich nachhaltigen Lernprozessen machen:
Das, was sich als Resultat des Lernens zeigt (die Performanz) nenne ich das Outcome: Um zu betonen, dass hier etwas rauskommt. Man kann dieses Outcome als traditionelles Lernziel formulieren oder als Kompetenz beschreiben; aber das Wichtige ist, dass man nicht vergisst, dass es sich hier um etwas handelt, was im lernenden Subjekt existiert und nur dort und nicht schon vorher im vermittelten Stoff. Der Stoff, die Lerninhalte können nur als Inspiration dienen, damit im Subjekt etwas geschieht: Verknüpfung mit eigenen Erfahrungen, höhere Ansprüche an sich selbst und die Umwelt, das Vervollständigen von bisher lückenhaften Zusammenhängen, Fortschritt auf dem schon lange beschrittenen Weg zum guten Menschen usw.

Lehrkompetenz Inspiration

Hoppla, das ist aber wirklich ein Vorstellungswechsel. Weg vom Lehrer als Unterweiser hin zur Lehrerin als Inspiratorin? Ganz platonisch dann noch? Oder vielleicht doch nicht. Denn, wenn Unterricht wirklich mit dem Leben zu tun hat, also inspiriert ist, dann kann schon mal etwas nicht-so Platonisches entstehen, was beim Lernen ungemein unterstützt. Aber das – Eros und Pädagogik – ist ein anderes Thema.

Doch wie geschieht Inspiration? Kann man das lernen? Und ist es dasselbe wie der so oft gewünschte Transfer zur Praxis? Ja, ich glaube, dass man das lernen kann. Zum Beispiel von der Stadtführerin, die ihre Stadt so liebt, dass sie die Jahreszahlen ebenso kennt wie die Hinterhofgeschichten und die Namen der Architekten genauso wie die damit verbundene Weltgeschichte. Sie kann sich vorstellen, wie man geliebt und gelitten hat vor 1000 Jahren und kennt gleichzeitig das Bruttosozialprodukt bis auf die zweite Kommastelle. Sie ist von Liebe getragen zu diesem Wissen und zu dem, wie dieses Wissen sie noch schöner, besser und reicher gemacht hat. Eine solche Lehrerin brauchen die angehenden SozialpädagogInnen. Denn wer nicht inspiriert ist, wirkt auch nicht inspirierend. Und das wäre doch das genuin sozialpädagogische: Lernende inspirieren, damit sie sich zu sich selbst entwickeln.
Henri Dreyfus, lic. Phil., Fachpsychologe für Psychotherapie (Kinder, Jugendliche und Erwachsene) und Dipl. Erwachsenenbildner HF, ist Inhaber einer eigenen Praxis und seit 20 Jahren Dozent und Lehrbeauftragter im sozialen Bereich. Seit 3 Jahren Lehrer an der Höheren Fachschule Gesundheit und Soziales Aarau (Abteilung Sozialpädagogik) und Autor mehrerer Lehrmittel der FABE-Ausbildung sowie zahlreicher Veröffentlichungen im Bereich Gewaltprävention.