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Kolumne zu Die Soziale Arbeit und das Geld

Soziale Gerechtigkeit - ein guter Deal
In Fragen der ethischen Entscheidungsfindung gibt es kein 'richtig' oder 'falsch'. Daher lässt sich auch endlos darüber streiten, wie viel uns die Sorge um unsere Mitmenschen Wert sein soll. Muss die Allgemeinheit jede medizinische Behandlung tragen, oder einigen wir uns darauf, dass ein Menschenleben nicht mehr als hunderttausend Franken im Jahr kosten darf? Ist es eine Aufgabe der öffentliche Hand, also Service Public, dass in jeder Kleinstadt eine Skateboard-Anlage gebaut wird? Oder könnte man dies nicht auch über Werbeflächen finanzieren? Und warum eigentlich nicht auch gleich den Ausbau des Schulhauses? Apropos Schule: Soll die Gemeinde für den in der Klasse nicht mehr tragbaren, verhaltensauffälligen Jugendlichen die schnellste, die günstigste oder die pädagogisch beste Lösung suchen? Muss eine Sozialhilfeempfängerin Gemeinschaftsarbeit verrichten? Und soll auch ein behinderter Mensch arbeiten müssen? Auch wenn es sich wirtschaftlich gar nicht lohnt? Wir kommen nicht darum herum, uns den Kopf und gelegentlich auch das Herz darüber zu zerbrechen.

Für diese schwierigen ethischen und gesellschaftlichen Fragen gewinnen einfache ökonomische Lösungen zunehmend an Bedeutung. Soziale Unternehmer und Investoren bieten an, die Dinge auf effiziente Art und Weise über marktwirtschaftliche Anreize zu lösen. Das Zauberwort ist Payment by Results, die erfolgsabhängige Finanzierung. In England und in den USA sind zur Zeit die Social Impact Bonds als eine neue Spielart hoch im Kurs: So kann man sich beispielsweise als Soziale Organisation um die Reintegration von ehemaligen Strafgefangenen bewerben. Wenn die eigenen Klienten den Benchmark schlagen, das heisst weniger oft rückfällig werden als vergleichbare Fälle im Landesdurchschnitt, dann ist eine Erfolgsprämie fällig und es hat sich für den Investor gelohnt.

"Soziale Investition" ist mehr als ein Modebegriff und es ist an der Zeit, dass sich dazu auch die Sozialwissenschaft differenziert vernehmen lässt. Aus ökonomischer Sicht muss einer Investition immer ein Return gegenüberstehen. Im Sozial-, Gesundheits- oder Bildungswesen ist dieser jedoch häufig kaum zu berechnen, das Geschäft ist in diesen Branchen sehr langfristig angelegt und immer höchst spekulativ. Geld ist Mittel, nicht Zweck. Wohin es führt, wenn die Rendite zum Selbstzweck wird, hat die Bankenkrise drastisch gezeigt. Wir sollten daher im Sozialbereich das Ziel nicht aus den Augen verlieren: Es geht um die Unterstützung und Begleitung von Menschen in anspruchsvollen Lebenssituationen oder mit schweren, vorübergehenden oder dauerhaften körperlichen und seelischen Beeinträchtigungen. Es geht um Hilfe für die Nächsten, die sich jetzt gerade nicht selbst helfen können. Also um Menschen in Not, denen wir solidarisch verpflichtet sind. Das können wir uns leisten, was uns dabei motiviert ist zweitrangig. Vielleicht überlegen wir uns, dass es eines Tages auch uns treffen könnte. Oder wir hoffen auf Belohnung im Jenseits und möchten dort in den vorderen Reihen sitzen. Möglicherweise sind wir einfach knallharte Rechner und wissen, dass Sozialhilfe billiger ist als ein grosser Sicherheitsapparat zur Verhinderung von armutsbedingten Plünderungen.

Die Diskussionen um die Kosten des Sozial- und Gesundheitswesens erscheinen gelegentlich als hilflose Versuche, Solidarität zu monetarisieren. Haben wir angesichts der Verselbständigung der Kasinowirtschaft die politische Sprache verloren? Wenn es für alle nur wenig hat, stellen sich Verteilungsfragen. Dies ist in vielen Ländern existentiell. In der begüterten Schweiz hingegen, haben wir erstens genug und zweitens können wir in demokratischen Aushandlungsprozessen darüber entscheiden, ob wir Invalidenrenten kürzen und die Hilfe an Asylsuchende bis an die Grenzen der Menschenwürde minimieren wollen. Mit dem so eingesparten Geld können wir dann zum Beispiel die Steuern für Reiche senken oder neue Kampfflugzeuge kaufen. Wir können denen, die Alte und Kranke pflegen, Kinder versorgen und Menschen in schwierigen Lebenslagen begleiten, anständige Löhne bezahlen. Oder wir können sogenannte Spitzenmanagern mit 72 Millionen für's Nichtstun entschädigen. So einfach ist das im Grunde genommen mit dem Geld und seiner Verteilung.

Michael Herzka
ist Studienleiter und Dozent für Nonprofit-Management an der ZHAW Soziale Arbeit.