AvenirSocial - Professionelle Soziale Arbeit Schweiz

Kolumne zu Aussenperspektiven auf die Soziale Arbeit

Ursula Christen, Dozentin an der Hochschule für Soziale Arbeit, HES-SO Wallis, ist Mitglied der Redaktionsgruppe von SozialAktuell.
Interdisziplinäre Zusammenarbeit: akrobatische Tänze im Tripelmandat?
Seit jeher bewegen sich Sozialarbeitende auf vielen Schnitt- und Baustellen gesellschaftlicher Teilsysteme, oft ohne Sicherungsseil akrobatische Tänze im Tripelmandat aufführend, vor Publikum oder unter Ausschluss der Öffentlichkeit, aber immer ihrer Kritik ausgesetzt.

Gute Sozialarbeiter sind polyvalent und multitaskend, empathisch, auf Kooperation und Compliance angewiesen, dennoch authentisch und kongruent: In beständiger Selbstreflexion vermitteln sie zwischen unterschiedlichsten Ansprüchen, Werthaltungen, Bedürfnissen, legitimen und illegitimen Wünschen, Machtpositionen, Hegemonialitäten und der eigenen professionellen Ethik.

Die moderne Sozialarbeiterin übersetzt kultur-, milieu-, schicht- und berufsspezifisch, sie versteht Juristenjargon und Jugendslang, spricht fliessend Psychiatriediagnostisch und kann als Pferdeflüsterin den wiehernden Amtsschimmel beruhigen. Sie transformiert das Kauderwelsch Bildungsferner mit Migrationshintergrund in Formularsprache und manchmal auch wieder zurück, dabei ist sie der wissenschaftlichen Kohärenz genauso verpflichtet wie den Menschenrechten und dem staatlichen Budget.

Der engagierte Sozialarbeiter versteht es, wenn nötig in theologischen Gleichnissen und philosophischen Allegorien zu denken, er bewegt sich mit schlafwandlerischer Sicherheit im katathymen Bilderleben seiner Klienten und findet sich in kruden Verschwörungstheorien genauso zurecht wie in Randständigensubkulturen, er vertritt lautstark die Interessen jener ohne gesellschaftliche Stimme, zugleich kooperiert er mit Vollzugsorganen, wie er auch parteilich den Spielraum seiner Klienten gross und autonom hält, und er ist sich selbstverständlich der Grenzen seiner Profession jederzeit vollkommen bewusst und macht sie allen Beteiligten transparent.

Die kompetente Sozialarbeiterin kann Statistiken nicht nur lesen, sondern auch richtig interpretieren und nach Bedarf selber herstellen, sie ist politisch versiert und international à jour, sie begleitet hochprofessionell kritisch-reflektierend das Funktionieren des Sozialstaates, kämpft um sein Überleben, aber doch nicht so sehr, dass man sie politischer Einseitigkeit oder weltfremder Naivität bezichtigen könnte. Sie weiss daher auch Bescheid über Cashflow, Benchmarking und Outsourcing, sie ist souverän und kompetent im Umgang mit alten und neuen Medien, sie lässt sich von nichts und niemandem instrumentalisieren und will weder Missstände im Sozialwesen vertuschen noch als Whistleblowerin auftreten.

Wo immer Sozialarbeitende tätig sind, kennen sie die rechtlichen Rahmenbedingungen und den historischen Kontext, sie tragen der Kontingenz gesellschaftlicher Prozesse Rechnung, gestalten aktiv die Zukunft und den Wandel mit - selbstverständlich in die richtige Richtung – sie sind sensibilisiert für Gender-Fragen und begegnen Vertretern anderer Kulturen, Professionen und Wertesystemen mit allergrösstem Respekt und dennoch mit dem Selbstbewusstsein einer eigenen Profession.

Was aber tun eigentlich Sozialarbeitende genau? Und wie sehen das die anderen?

Wie sehen Sie das, liebe Leserinnen und Leser? Diskutieren Sie mit.