AvenirSocial - Professionelle Soziale Arbeit Schweiz

Kritische Gedanken zur Rolle der Sozialen Arbeit in stationären Einrichtungen

Robert Löpfe

ist Sozialpädagoge und arbeitet in der zum Verein Chupferhammer gehörenden WG Schlatt. Er ist Mitglied der Redaktionsgruppe von SozialAktuell.
Zwischen Wertschätzung und Verwertung
Eine Berufskollegin in einer „fortschrittlichen“ Einrichtung hatte vor Jahren den Auftrag, in einer Frauen-AWG die Einführung eines neuen Konzepts schmackhaft zu machen, das den Bewohnerinnen mehr Selbstbestimmung ermöglichen würde. Sie erhielt von den Frauen die Auskunft, dass sie nicht schon wieder nach einem neuen Konzept leben wollten, sie hätten sich erst gerade an das jetzige Konzept gewöhnt. Dieselbe Kollegin teilte mir auch ihre Einschätzung mit, dass ein grosser Teil der KlientInnen, die sie seit Jahren mit Erfolg in Wohntrainings begleitet, sofort eine Haushaltshilfe einstellen würden, wenn sie nur könnten.
Diese Beispiele stehen quer zu unserer Berufsauffassung, denn diese basiert auf der Annahme, dass der Mensch ständig danach strebe, seine Kompetenzen und seine Autonomie zu erweitern. Dieser Glaube ist das Geschäftsprinzip der Sozialen Arbeit, denn wir geben - gestützt auf unser humanistisches Menschenbild und auf unsere beruflichen Kompetenzen - ein umfassendes Renditeversprechen ab: Jeder Mensch und jede Menschengruppe, jegliches Humankapital wird durch unsere Arbeit einen grösseren Ertrag abwerfen oder zumindest geringere Kosten verursachen. Wir können überall eingesetzt werden, „wo Menschen und ihre sozialen Umfelder aufeinander einwirken“(AvenirSocial: Berufsbild der Professionellen Sozialer Arbeit, Seite 3), also überall, wo Menschen sind.

Emphatische Allgegenwart der SozialpädagogInnen
Aus der Sicht unserer KlientInnen, besonders der Menschen mit geistiger Behinderung, ist diese Allgegenwärtigkeit bereits eingelöst. Wo sie sich auch aufhalten, sind schon die Professionellen da: im Wohnbereich, an der Arbeit und in der Freizeit. Sie dürfen und müssen überall und jederzeit damit rechnen, dass ihnen emphatisch und mit Wertschätzung entgegengetreten wird. In jeglichem Verhalten wird eine Ressource erkannt und ein Hinweis auf ihr Entwicklungspotential. Die Einladung, ein sanfter Aufruf, sich weiter zu entwickeln, sich mit der eigenen Person auseinanderzusetzen, ist allgegenwärtig.
Eine konkrete Umsetzung dieser Allgegenwart und eines der wichtigsten reglementierenden Instrumente der Sozialpädagogik sind die Zielsetzungen, die jedes Jahr oder noch häufiger eingelöst werden müssen. Bei Standortgesprächen, denen die Betroffenen oft über Monate mit Bangen entgegen schauen, werden diese Zielsetzungen überprüft. Es müssen auch Menschen an Zielsetzungen arbeiten, die aufgrund ihrer kognitiven Voraussetzungen gar nicht wissen, was ein Ziel ist und die bei weitem nicht in der Lage sind, vorausschauend ihre Handlungen zu planen. Im Alltag legitimieren Zielsetzungen häufig Zurechtweisungen für ein Fehlverhalten: „Es war doch dein Ziel, dass ....“

Die totale Institution 2.0
In seinem Werk „Asyle“1 beschreibt Erving Goffman „totale Institutionen“ als soziale Räume, die tendenziell allumfassend sind und sämtliche Lebensbereiche (schlafen, arbeiten, spielen) ähnlich gestellter Individuen umfassen und reglementieren. Es war dann unter anderem die Normalisierungsbewegung, welche diese Einheit aufheben wollte: Menschen sollten nicht mehr an demselben Ort arbeiten, an dem sie auch schlafen. Diese Trennung ist für Menschen mit Behinderung teilweise vollzogen. Gleichzeitig gibt es Argumente für die These, dass diese Trennung der Lebensbereiche durch die Einheitlichkeit im Verhalten der Professionellen, welche diese Bereiche gestalten, unterlaufen wird. Wir haben es damit nicht mehr mit einer klassischen totalen Institution hinter hohen Mauern zu tun, vielmehr bildet die gesamte Soziale Arbeit mit ihrem umfassenden Bemühen um die Kompetenzen ihrer KlientInnen eine Totalität neuer Art, welche einen Grossteil der Lebensbereiche der KlientInnen umfasst und reglementiert - die totale Institution 2.0. Es ist ein exklusiver sozialer Raum, in dem zahllose Menschen trotz verbaler Anerkennung die Botschaft verinnerlichen: ich bin nicht ganz o.k., so wie ich bin. Das ändert sich erst, wenn die Kompetenzen der KlientInnen nicht mehr im Fokus der Professionellen sind.

Für die Frauen im anfangs beschriebenen Beispiel hat sich die Rückmeldung übrigens gelohnt. Sie konnten weiterhin so wohnen, wie sie es sich gewohnt waren. Trotzdem seien diese Frauen seither ganz und gar nicht stehen geblieben.


Fussnote
1 vgl. Erving Goffman: Asyle. Über die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen. edition suhrkamp, Band 678. 22. Auflage, 2011. Englische Originalausgabe 1961 erschienen.