AvenirSocial - Professionelle Soziale Arbeit Schweiz

Gedanken zur totalen Mediatisierung in der Gesellschaft

Olivier Steiner ist Soziologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut Kinder- und Jugendhilfe der Hochschule für Soziale Arbeit, Fachhochschule Nordwestschweiz. Seine Schwerpunkte sind Neue Medien und Soziale Arbeit, Mediensozialisation, Gewaltstrukturen, Jugendgewalt und Gewaltprävention.
Die Folgen der Neuen Medien auf die Soziale Arbeit
Smartphones mit Internetzugang, Facebookaccount und Zugriff auf 800 Millionen Youtube Videos ermöglichen Heranwachsenden in der Schweiz die Partizipation an der digitalen Gesellschaft. Ihre Gespräche, Kurznachrichten, Profile, aktuellen Standorte, Freizeitbeschäftigungen, Musikvorlieben und Telefonnummern werden von globalen Internetkonzernen auf Plattformen mit stylishen Oberflächen verwaltet und präsentiert. Mobile Medien ermöglichen ständigen Zugriff auf relevante Informationen, dauernde Vernetzung mit relevanten Personen und vollständige Versorgung mit relevanter Unterhaltung. Dies zudem mehr und mehr gleichzeitig: während dem Musikhören im Internet, neben dem neusten Serienstream und/oder der Facebooknachricht die Hausaufgaben – Multitasking spart wertvolle Zeit, die ohnehin zunehmend mit Mediennutzung verbracht wird: 14- bis 19-Jährige verbringen 2011 im Durchschnitt 7,2 Stunden mit Fernsehen, Radio- oder Musikhören und Internet (ohne Berücksichtigung von Parallelnutzungen) . Kurz: Der Alltag insbesondere jugendlicher Digital Natives ist mittlerweile durchgängig mediatisiert (vgl. Krotz 2001).
Theodor W. Adorno schreibt in seinem Résumé zur Kulturindustrie 1967: "Die Ersatzbefriedigung, die die Kulturindustrie den Menschen bereitet, indem sie das Wohlgefühl erweckt, die Welt sei in eben der Ordnung, die sie ihnen suggerieren will, betrügt sie um das Glück, das sie ihnen vorschwindelt. ... Der Gesamteffekt der Kulturindustrie ist der einer Anti-Aufklärung; ... sie verhindert die Bildung autonomer, selbständiger, bewusst urteilender und sich entscheidender Individuen." (Adorno 1967: 69). Adornos tiefe Abneigung gegenüber der nur am Profit orientierten Kulturindustrie mag in Zeiten des Web 2.0, da jeder selbst zum "Producer", zum Produzent von medialen Inhalten werden kann, nicht mehr ganz nachvollziehbar scheinen, und doch entsteht angesichts der gegenwärtigen medialen Voll- und Dauerversorgung ein Unbehagen. Eine Studie von Elisa Streuli (2008), in welcher Jugendliche zwei Tage auf ihr Handy verzichteten, verdeutlicht, wie zentral und unverzichtbar das Handy für die Organisation des Alltags von Heranwachsenden mittlerweile ist. Einige der im Anschluss an die Handy-Abstinenz befragten Jugendlichen meinten allerdings auch, dass sie die Auszeit von der dauernden Erreichbarkeit als Entlastung empfunden hätten. Das stimmt nachdenklich.
Mit der Mobilisierung des Internets und unterbrechungsfreier digitaler Vernetzung, kurz mit der totalen Mediatisierung der Gesellschaft stellt sich die Kritik Adornos an einer Kulturindustrie, die in eine Anti-Aufklärung mündet, neu. Die Begründung einer medienbezogenen Kinder- und Jugendarbeit mit dem Argument der Lebensweltorientierung (wo die Heranwachsenden sich aufhalten, halten wir uns auch auf) oder der Medienkompetenzförderung (wir fördern Heranwachsende in einer sinnvollen Mediennutzung) reicht deshalb nicht aus. Bei genauerem Hinsehen sind aktuell zwei Entwicklungen im Bereich digital vermittelter Kommunikation, bzw. des Internets festzustellen: Zum einen versuchen global agierende Medienunternehmen möglichst die gesamte digitale Interaktionskette unter Kontrolle zu bringen (Infrastruktur, Hardware, Software) und personalisierte, dauerhafte Kundenbindungen herzustellen. In der digitalen Informationskette soll der Kunde mit genau jenen Informationen versorgt werden, die ihn (nach Wissen des Unternehmens) interessieren und darüber hinaus (zur Profitgenerierung) interessieren könnten. Zum anderen entsteht auf den Kommunikationsplattformen des Internets mehr und mehr eine Gegenöffentlichkeit, die Informationen deliberativ verbreitet (mehr oder weniger gelingende Beispiele: wikipedia, open source, p2p Social Networking Plattformen) und politisch mobilisiert (bspw. Acta-Opposition, wikileaks, Piratenparteien, Arabischer Frühling). Die Verbreitung deliberativer Diskursstrukturen und die Entwicklung sozialer Bewegungen im Internet konstituieren zivilgesellschaftliche Öffentlichkeiten, die mehr und mehr als Korrektiv zu etablierten Herrschaftssystemen auftreten und erst in neuester Zeit von einer breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen werden (vgl. Davies/Gangadharan 2009; Stalder 2011).
Wird die Herstellung sozialer Gerechtigkeit als für die Soziale Arbeit zentrale Begründungsfigur angesehen, können im Hinblick auf oben angesprochene Entwicklungen Positionen einer medienbezogenen Sozialen Arbeit abgeleitet werden: Medienkompetenz ist demnach insbesondere auch als kritische Medien- bzw. Kommunikationskompetenz zu fassen. Dies bedeutet nicht nur, dass Heranwachsende über die besonderen Bedingungen von Privatheit und Öffentlichkeit im Internet informiert sein müssen (bspw. zu Fragen des Datenschutzes), sondern sich als "Producer" im Internet auch im Spannungsverhältnis zwischen der Vereinnahmung durch globale Medienkonzerne und der Herstellung von Gegenöffentlichkeit verstehen. Als private "Producer" auf Blogs, Twitter und Social Networking Plattformen eröffnet sich für Heranwachsende nämlich auch die Möglichkeit zur politischen Teilhabe, zur Teilnahme an einem kritischen Diskurs gerade auch über die Vereinnahmung des Internets durch globale Medienkonzerne. Die Indienstnahme des Internets durch Private zur politischen Artikulation und Beteiligung geht über das klassisch individualisierende Medienkompetenzverständnis hinaus. Soziale Arbeit ist danach mit Heranwachsenden gemeinsam an einem kollaborativen, partizipativen Projekt beteiligt: Der Nutzung des Internets zur Stärkung kommunaler und überregionaler Sozialer Netzwerke im Sinne politischer Beteiligung und der Herstellung einer kritischen Öffentlichkeit. Diese Ziele sind keineswegs uneinlösbar, sondern werden in verschiedenen Projekten bereits umgesetzt (vgl. Steiner/Goldoni 2013, im Erscheinen). In Anlehnung an boyd (2005: 207f.) können folgende Fragen für die Konzeptualisierung Medienprojekten handlungsleitend sein:
• Wie können lokale Netzwerke bzw. Freundschaftsnetzwerke mit anderen lokalen Netzwerken bekannt gemacht werden, um gemeinsame, gemeinwesenbezogene Interessen zu diskutieren und politisch zu artikulieren?
• Wie kann für den Einzelnen in solchen Prozessen ein Bewusstsein politischer Partizipation und Engagements für das Gemeinwesen entstehen?
Medienbezogene Kinder- und Jugendarbeit fördert demnach neben der individuellen Medienkompetenz auch die aktive Partizipation von – insbesondere auch sozial benachteiligten – AdressatInnen an institutionalisierten Formen der Bedeutungsproduktion sowie an politischen Entscheidungsprozessen.


Literatur
Adorno, Theodor W. (1967). Ohne Leitbild, Parva Aesthetica. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
boyd, dana (2005). Sociable Technology and Democracy. In: Lebkowsky, Jon/Ratcliffe, Mitch (Hg.). Extreme Democracy. Raleigh, North Carolina: Lulu. S. 198-209.
Davies, Todd/Gangadharan, Seeta Pena (2009) (Hg.). Online Deliberation: Design, Research, and Practice. Stanfort: Center for the Study of Language and Information, Stanford University (CSLI).
Krotz, Friedrich (2001). Die Mediatisierung kommunikativen Handelns : der Wandel von Alltag und sozialen Beziehungen, Kultur und Gesellschaft durch die Medien. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.
Stalder, Felix (2011). Demokratie jenseits der Repräsentation. In: Analyse & Kritik. 41. Jg. (565). S. 3.
Steiner, Olivier/Goldoni, Marc (2013, im Erscheinen) (Hg.). Soziale Arbeit 2.0. Grundlagen, Konzepte und Praxis der Kinder- und Jugendarbeit mit Social Media. Weinheim: Juventa.
Streuli, Elisa (2008). "Irgendwie fehlte mir etwas ganz Wichtiges" – Wie Jugendliche zwei Tage ohne Handy erlebten. In: Sozial Aktuell. 2. Jg. S. 12-13.


Fussnote
1 www.ard-zdf-onlinestudie.de/index.php?id=289