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Integration von psychisch kranken Menschen in die Arbeitwelt

Morena Pelicano

ist Journalistin, Autorin und Fotografin










Foto: Ursula Battanta
IV-Revision: Scheinlösung zu Lasten psychisch erkrankter Menschen
Da ist kürzlich das Kreuzfahrtschiff Costa Concordia vor der südtoskanischen Insel Giglio gekentert. Kapitän Schettino meldete einen technischen Blackout an die Küstenwache. Als die Küstenwache realisierte, dass das Schiff kenterte, erschallte der Ruf: „Kapitän! Auf die Brücke, verdammt!“ Doch der Kapitän kehrte nicht auf das sinkende Schiff zurück. Er bezog ein Hotelzimmer. Dort konnte er keine nassen Füsse bekommen. Dieser Lump von einem Kapitän liess sein Schiff einfach absaufen.

Wer nicht kooperiert, wird sanktioniert
Der Befehl, „Auf die Brücke, verdammt!“, dröhnte in meinem Kopf. Irgendwann habe ich diesen Satz im Internet gelesen. Schnell gelesen. Weiter geklickt. Fast vergessen. Aber nur fast.
„Auf die Brücke, verdammt!“ Dieser Satz bollerte in meinem Kopf, als ich mich durch die Teilrevision der Invalidenversicherung las. Seit dem 1. Januar 2012 ist die IV-Revision 6a in Kraft. Unter anderem gibt es für IV-BezügerInnen eine explizite Schadenminderungspflicht, auch Mitwirkungspflicht genannt. Wer nicht kooperiert, wird sanktioniert. Die IV kann grosszügig Leistungen kürzen oder streichen. IV-BezügerInnen müssen alles Zumutbare unternehmen, damit die Arbeitsintegration gelingt. Was zumutbar ist, entscheidet die IV.

Die IV schreibt sich gesund
Die IV kann nach Artikel 18 einen Arbeitsversuch während 180 Tagen anordnen. Zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer entsteht kein Arbeitsverhältnis, wie es üblicherweise durch das OR geregelt wird. Der Arbeitgeber erhält für die 180 Tage ein Betreuungszuschuss, pro Monat höchstens 1700 Franken. Die Quotenregelung für Behinderte wurde von der Arbeitgeberlobby mit viel Zungenfertigkeit im eidgenössischen Parlament ganz tief in den trüben Meeresschlamm versenkt. Jetzt, da die IV die Kohle an die Arbeitgeber ausschüttet und der Arbeitnehmer, der eine IV-Rente bezieht, kein Anrecht auf einen Lohn hat, jetzt soll es mit der Integration klappen. Warum aber soll die Wirtschaft, die partout keine Menschen beschäftigen will, die aus gesundheitlichen Gründen nur Stundenweise arbeiten können, genau diese Menschen, die sie nicht will, beschäftigen? Interessant ist, dass Menschen, die von der IV als arbeitsunfähig und invalid erklärt wurden, nun von der gleichen Versicherung als arbeitsfähig und gesund erklärt werden. Jetzt, da man bei der IV mal so nebenbei ein paar Tausend Schmerzpatienten, Depressionsbetroffene und Menschen mit einer Persönlichkeitsstörung mit einem IV-Entscheid für gesund und arbeitsfähig erklärt, jetzt soll es mit der Arbeitsintegration vorwärts gehen.
Damit die IV-Sanierung nicht als voll krasse Sparübung auf dem Rücken von psychisch Kranken und Schmerzbetroffenen rüberkommt, hat man geschickterweise das Assistenzbudget gleich mit in die IV-Revision 6a gepackt. Dieses Assistenzbudget wollen weder eine Behindertenorganisation, das Parlament noch das Volk opfern, denn: Auch Menschen mit einem Handicap haben ein Recht auf Selbstbestimmung.

"Auf die Brücke, verdammt"
Nun ja, die IV-Revision 6a ist geritzt, da wird jetzt voll integriert. Das wirklich Unglaubliche ist: Die IV wird uns Zahlen servieren, so prächtig wie pures Gold. Man bedenke, welch unglaubliches Integrationswunder die IV vollbringt. 2010 wurden 47 Prozent weniger Neurenten verzeichnet als 2003, dem Jahr mit dem höchsten Neurentenstand. Im Jahr 2019 werden es 94 Prozent weniger Neuberentungen sein. Arbeit vor Rente. Integrationsziel erreicht. Wow! Ja, Scherretinos Kreuzfahrtschiff ging unter, während der Kapitän sich in einem Hotelzimmer in Sicherheit brachte. Auch die Behindertenorganisationen haben sich in Sicherheit gebracht. Sie wollen das Assistenzbudget und das Recht auf eine Grundausbildung für Menschen mit einem Handicap nicht opfern. Aber sie opfern die 17 000 Schmerzbetroffenen, sie opfern all jene Menschen, die eine IV-Rente beziehen, weil sie an Depressionen, Panik- und Angststörungen, Zwangshandlungen, Persönlichkeitsstörungen, Psychosen und Bipolaren Störungen leiden. Diese IV-RentnerInnen werden für arbeitsfähig und gesund erklärt.
Wer steht jetzt auf der Brücke und übernimmt die Verantwortung für eine IV-Revision, die voll zu Lasten von jenen geht, die an einer psychischen Krankheit, an chronischen Schmerzen und an einer objektiv nicht wahrnehmbaren Krankheit leiden? Ein bisschen an der IV-Revision rummäkeln, sich ein bisschen über die einseitige IV-Revision empören. Das gehört zum Job der Behindertenorganisationen. Aber auf der Brücke stehen? Muss nicht sein, denn schliesslich gibt es die Sozialhilfe. Die wird’s schon richten.
„Auf die Brücke, verdammt!“
Nein, auf die Brücke geht jetzt kein Kapitän. Im Hotelzimmer ist es viel sicherer.

Literaturtipp
Weitere Ausführungen zum Thema
finden Sie im kürzlich erschienen Buch von
Morena Pelicano: „Ich habe die Zügel aus den Händen verloren“.
Menschen – Arbeit – Handicap. Rex Verlag, Luzern.
www.rex-buch.ch