AvenirSocial - Professionelle Soziale Arbeit Schweiz

Kolumne zur Sozialen Arbeit in Familien

Ursula Keller-Schiller


ist Sozialarbeiterin. Sie arbeitet als Sozialpädagogische Familienbegleiterin bei spf-schwyz und führt eine Beratungspraxis in Zürich.
www.spf-schwyz.org, www.ursulakeller.ch

Sozialpädagogische Familienbegleitung (SPF): von der Pionierphase zur klar definierten Kindesschutzmassnahme
In den 90er Jahren fing SPF an, in der Schweiz Fuss zu fassen: Pro Juventute beteiligte sich massgeblich an der Gründung verschiedener SPF-Teams in der Deutschschweiz. Mit viel Idealismus begannen die ersten Familienbegleiterinnen*, schon damals mehrheitlich Professionelle der Sozialen Arbeit, erste Erfahrungen in der aufsuchenden Familienarbeit zu machen. Neben den Methoden aus der Basisausbildung der Schulen für Soziale Arbeit setzten sich vor allem Haltung und Methoden der systemischen Familienberatung sowie der lösungs- und
ressourcenorientierten Sozialen Arbeit als gemeinsamer Nenner durch.

1998 wurde der SPF- Fachverband Schweiz gegründet (mehr dazu unter www.spf-fachverband.ch). Von Anfang an bestand eine enge Zusammenarbeit mit AvenirSocial. Der Fachverband bot den Mitgliedern eine Plattform um Erfahrungen auszutauschen. Immer wieder war die schwierige Finanzierung der SPF ein Thema; SPF war wenig bekannt und wurde von den zuweisenden Stellen oft mit etwas wie „einer Haushalthilfe, die noch Hausaufgaben mit den Kindern macht“ gleichgesetzt. Die Arbeitsbedingungen für Familienbegleiterinnen entsprachen in keiner Weise den hohen Anforderungen, welche an sie bezüglich Wissen, Kompetenzen und selbständigem Arbeiten gestellt werden.

Anfangs 2000 kam das Kind SPF in die Pubertät und Pro Juventute entliess es in die Selbständigkeit. Heute wird SPF mehrheitlich von selbständig arbeitenden Einzelanbietenden oder von Teams angeboten, die unter verschiedenen Organisationsformen wie Verein, GmbH oder Aktiengesellschaft zusammengeschlossen sind. Nur wenige können auf Subventionen oder Spenden zurückgreifen; die meisten Anbieterinnen stellen sich dem freien Markt.

Aus meiner Sicht ist SPF heute unter den Professionellen der Sozialen Arbeit relativ bekannt, die Finanzierung stellt weniger Probleme als in den früheren Jahren. Durch die TV-Sendung "Die Super Nanny" haben viele Familien ein Bild der aufsuchenden Sozialpädagogischen Arbeit erhalten. Noch zu wenig bekannt scheint mir SPF allerdings bei Behörden, Schulen und Diensten im erweiterten Feld der Sozialen Arbeit.
Parallel zur Familienbegleitung hat sich auch der Fachverband entwickelt und als Hauptaufgabe die Professionalisierung der SPF vorangetrieben.
Der SPF-Fachverband Schweiz definiert SPF folgendermassen:

• Sozialpädagogische Familienbegleitung ist aufsuchende Soziale Arbeit in der Familie.
• Kinder und Jugendliche erhalten die für ihre Entwicklung nötige Geborgenheit und Förderung.
• Die Eltern/Erziehungsverantwortlichen werden in ihrer Rolle gestärkt und können ihre Kompetenzen erweitern.
• SPF wird im Rahmen eines definierten Auftrages durchgeführt.
• Die Einsätze werden von einer ausgebildeten Fachperson geleistet.
• Nur während einer Krise oder zeitlich befristet arbeitet die FamilienbegleiterIn entlastend oder übernehmend.

Mitglieder des Fachverbandes müssen also ein klar definiertes Anforderungsprofil erfüllen.

Der SPF-Fachverband organisiert regelmässig Tagungen und Weiterbildungen zu SPF relevanten Themen. Im Herbst 2010 führte die FHS St. Gallen einen ersten Zertifikatslehrgang für Sozialpädagogische Familienbegleitung durch. Der SPF-Fachverband macht Öffentlichkeitsarbeit und setzt sich für faire Arbeitsbedingungen, Finanzierungsmodelle und Tarife ein: So ist es etwa gelungen, SPF von der Mehrwertsteuer zu befreien.

Zurzeit sieht sich SPF zu einem weiteren Schritt Richtung Professionalisierung herausgefordert. Qualitätslabel, Zertifizierung, Krisenmanagement, Ombudsstelle sind Themen, die den Fachverband neben der Profilierung sowie der Aus- und Weiterbildung seiner Mitglieder beschäftigen. Das neue Kindes- und Erwachsenenschutzrecht, das ab 2013 in Kraft treten wird, weckt Hoffnungen und Ängste: SPF ist gefordert, in Zusammenarbeit mit allen Professionellen der Sozialen Arbeit das Angebot im neuen Feld zu definieren und zu positionieren.

Mein persönlicher Wunsch ist, dass neben der Zusammenarbeit mit den Behörden des neuen Kindes- und Erwachsenenschutzrechtes vor allem auch die Zusammenarbeit mit den Schulen gefördert wird. SPF mit dem Kind im Mittelpunkt vermag an der Schnittstelle zwischen Eltern, Schulen und Behörden durch eine gute Zusammenarbeit mit allen Beteiligten Lösungen zu finden, wo die Hoffnung schon beinahe aufgegeben wurde. Auch wünsche ich mir, dass SPF tendenziell früher und vermehrt präventiv eingesetzt wird. Was, wenn keine Fremdplatzierung veranlasst werden könnte, ohne vorher zu prüfen, ob nicht mit SPF die Ressourcen der Eltern so gestärkt werden könnten, dass sich eine Fremdplatzierung vermeiden liesse?

Mit dem Fokus auf der gesunden Entwicklung für das Kind wird sich SPF weiter entwickeln und sich neuen Herausforderungen stellen. Mögen dabei die Leistungen der Pionierinnen nicht vergessen gehen. Kolleginnen und Kollegen, die sich in Bereichen des neuen Kindesschutzes engagieren, bitte ich, mit SPF Anbietenden ihrer Region Kontakt aufzunehmen, damit SPF von Anfang an gut positioniert und die Zusammenarbeit optimal definiert werden kann.

*Da in der Familienbegleitung mehr Frauen als Männer arbeiten, erlaube ich mir die weibliche Form zu benutzen. Familienbegleiter sind selbstverständlich mit eingeschlossen.