AvenirSocial - Professionelle Soziale Arbeit Schweiz

Geschichte der Sozialen Arbeit

Herbert Ammann ist Geschäftsleiter der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft SGG, die 2010 ihr 200-Jahr-Jubiläum feiern konnte
Geschichte und Geschichtsschreibung
Lassen Sie mich gleich zu Beginn eine kleine Geschichte erzählen: Ich war zwölf Jahre alt, als im Thurgau das Jubiläum „500 Jahre Zugehörigkeit zur Eidgenossenschaft“ gefeiert wurde, verbunden mit einer zusätzlichen Schulreise. Ich fragte nach, ob der Thurgau nicht weitere gut 300 Jahre Untertanengebiet gewesen sei und ob man nicht viel eher 1798 feiern müsste; das war die falsche Frage.
1967 nach dem Putsch der Militär-Obersten in Griechenland las ich eine Meldung, dass die Geschichtsbücher für die Schulen eingestampft und neu geschrieben werden müssen; eine fast gleich lautende Meldung nahm ich 1974 nach der Nelkenrevolution in Portugal wahr.
Schliesslich hatte ich als Lehrer 1969 die Aufgabe den 5.Klässlern den alten Zürichkrieg nahe zu bringen, das war in einem Dorf in der March. Ich entschloss mich, mit der halben Klasse nach dem Schwyzer Geschichtsbuch und mit der anderen Hälfte mit dessen Pendant aus dem Kanton Zürich zu arbeiten. Ergebnis: Kein Krieg, aber immerhin lautstarke Auseinandersetzungen meiner Schülerinnen und Schüler auf dem Pausenplatz.

SGG: Arbeitsschwerpunkt Freiwilligenarbeit
Gehen wir weg von der grossen Geschichte und lassen Sie mich einige Bemerkungen zur Sozial- und Gesellschaftsgeschichte machen. Seit gut zehn Jahren engagiert sich die SGG intensiv für die Förderung der Freiwilligkeit. Dieser jetzt auch strategisch verankerte Schwerpunkt ist aber bereits in den Jahren zuvor innerhalb der Diskussionen der Gremien über die Entwicklung der Gemeinnützigkeit vorbereitet worden.
Nach aussen wurde dieses Engagement 2001 durch die Doppelpräsidentschaft von Judith Stamm in der SGG und im Jahr der Freiwilligen deutlich. Seither hat die SGG eine eigene Forschungskommission zu Freiwilligkeit, sie veröffentlicht Publikationen und führt Tagungen durch. Sie hat den Freiwilligen-Monitor entwickelt, sie hat zusammen mit dem Seismo-Verlag eine wissenschaftliche Reihe publiziert und sie hat ein theoretisches Verständnis entwickelt, welches zunehmend auch international wahrgenommen wird.
Auch auf der Ebene der Praxis engagiert sich die SGG: Sie fördert einschlägige Projekte und Programme, vergibt seit 2010 jährlich den mit Fr. 100'000 Franken dotierten Preis für Freiwilligkeit. Selbstverständlich gehen wir mit all diesen Aktivitäten davon aus, dass wir damit einen wichtigen Beitrag für die demokratische Zukunft unseres Landes leisten. Um das zu testen, lade ich Sie zu einem gedanklichen Experiment ein.

Die Zukunft in 3 Szenarien
Ich stelle mir drei verschiedene Zukünfte in drei verschiedenen Szenarien für das Jahr 2060 vor. Ich frage, wie denn aus dieser jeweiligen zukünftigen Sicht im Jahr 2060 unsere heutige Tätigkeit zur Förderung der zivilgesellschaftlichen Gemeinnützigkeit historisch bewertet würde.

Szenario 1: Das Leben in der Schweiz und anderswo ist weitestgehend durchmonetarisiert und verwirtschaftlicht. D.h. für alles und jedes gibt es eine kommerzielle Dienstleistung. Es dominiert die Wirtschaft bzw. die ganz grossen, weltweit tätigen Konzerne. Die Rolle des Staates besteht lediglich darin, den Bürgern in ihrer grossen Mehrzahl den Zugang zu diesen Gütern und Dienstleistungen zu garantieren. Auch die Haus- und Familienarbeit wird bezahlt.
In einem solchen Szenario ist des Aspekt der unbezahlten Arbeit, das heisst der Freiwilligenarbeit, an sich unerwünscht und bekommt etwas gesellschaftlich „Subversives“. Die Nuancen einer entsprechenden Geschichtsschreibung über unsere heutigen Aktivitäten würden wahrscheinlich von Attributen wie „Naivem individualistischem Idealismus“, über „Wieder einmal hat die SGG die Zeichen der Zeit nicht erkannt“ bis zu „zu konservativ dem längst überholten Weltbild der Aufklärung verhaftet“ lauten.

Szenario 2: Unsere heutige Finanz- und Wirtschaftskrise hat zu einer weltweiten Regulierung einer freien Marktwirtschaft geführt. Es gibt zwar nach wie vor grosse Unterschiede der Lebensbedingungen sowohl zwischen den Ländern, wie innerhalb jeden Landes. Die Schweiz ist Mitglied in einem föderalen Europa. Staat und Wirtschaft haben den Wert der Zivilgesellschaft erkannt und diese ist auf allen Ebenen als wichtige Partnerin akzeptiert.
In Szenario 2 würde die Geschichtsschreibung in etwa lauten, dass es nach bald zweihundertjährigem Bestehen der SGG erneut gelungen sei, die Zeichen der Zeit rechtzeitig zu erkennen und tatkräftig zu handeln. Die SGG würde je nach Standpunkt als „Wegbereiterin“ wenigstens als Nebenaktivistin, vielleicht aber auch gar als einer der „Kernelemente einer solchen Entwicklung“ historisch beschrieben werden.

Szenario 3: Die Schweiz verstärkt zunehmend ihre isolationistischen Tendenzen in der Absicht ihre Unabhängigkeit zu bewahren. Für grössere, auf die Aussenwelt ausgerichtete Unternehmen verliert die Schweiz an Attraktivität und sie wird wieder, wie letztmals im 19 Jahrhundert zu einem Auswanderungsland. Staat und Gesellschaft erliegen einem schleichenden Verarmunsprozess. Die Pflichten für die Bürgerinnen und Bürger werden Schritt für Schritt über das Bezahlen der Steuern auch wieder auf unbezahlte Arbeit in Anlehnung an das urschweizerische, verpflichtende Milizsystem ausgedehnt.
Aus der Sicht einer solchen Gesellschaft kann die heutige Aktivität der SGG in der Förderung der Gemeinnützigkeit als „Vorläuferin und Wegbereiterin einer verpflichtenden gesellschaftlichen Miliz verstanden“ werden, nämlich dann, wenn der Aspekt der Freiwilligkeit der Individuen nicht mehr genügend betont wird, bzw. das Recht der Individuen sich nicht zu engagieren eingeschränkt, bzw. über das Milizsystem zur Verpflichtung wird. Wenn das aber der Fall sein sollte, dann müsste die heutige Aktivität als „zu individualistisch und viel zu wenig auf das kollektive Wohl ausgerichtet“ qualifiziert werden.

Fazit
Was ich hier über die mögliche Geschichtsschreibung zur Frage der gesellschaftlichen Bedeutung der Freiwilligkeit sage, das lässt sich vergleichbar für alle grossen Fragen des Sozialwesens und der Sozialpolitik anwenden. Es tut ganz gut, sich einmal als Objekt der Geschichtsschreibung vorzustellen, aller Einfluss- und Korrekturmöglichkeiten beraubt, ohne die Möglichkeit ein Gegendarstellung.
Und jetzt komme ich zur Geschichtsschreibung zurück: Ich bin überzeugt, dass Geschichtsschreibung aus einer solchen Haltung heraus „richtiger“ und „wahrer“ wird, denn sie reflektiert unsere Gegenwart mit, das was Geschichte mit uns gemacht hat, wie sie uns geformt hat und wie wir unsere Aufgabe sehen die Zukunft zu gestalten und irgendwann ebenfalls historisch bewertet werden.
Zum Schluss: Ich liebe Geschichte; ich liebe Geschichten.