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Kolumne zur schulischen Integration von Menschen mit einer geistigen Behinderung

Riccardo Bonfranchi

ist Sonderpädagoge und bietet mit seiner Firma Social Consulting AG Dienstleistungen im Sozialbereich an. Zuvor war er Sonderschullehrer sowie Schul- und Bereichsleiter der RGZ-Stiftung in Zürich.
Bildung für alle - aber am richtigen Ort mit den richtigen Mitteln!
Im Behindertengleichstellungsgesetz von 2002 steht: „Die Kantone fördern, soweit dies möglich ist und dem Wohl des behinderten Kindes oder Jugendlichen dient, mit entsprechenden Schulungsformen die Integration behinderter Kinder und Jugendlicher in die Regelschule.“ Integration muss aber nicht zwingend in einer Regelschulklasse erfolgen, und das Wohl des behinderten Kindes wird, so meine Erfahrung aus der Praxis, nicht immer im Auge behalten.
Vorab soll aber auf eine grossangelegte Studie hingewiesen werden, die zeigt, dass es die Integration behinderter Kinder (hier: lernbehinderte und kognitiv beeinträchtigte Kinder) in die Regelschule keinesfalls in einem grösseren Stil umgesetzt wird. In dieser statistischen Studie wurde in der gesamten Bundesrepublik Deutschland über mehrere Jahre (seit 1999) festgestellt, dass im Durchschnitt lediglich 3,3 % aller Kinder mit einer geistigen Behinderung integriert wurden. Diese Zahlen blieben bis heute stabil und es ist anzunehmen, dass sie auch für die Schweiz Geltung besitzen (Frühauf, T.: Verteilung von Schülerinnen und Schülern im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung in Förderschulen und in allgemeinen Schulen im Jahr 2008. In: Teilhabe, Februar 2011, 29 – 35)
Ich bin nun der Meinung, dass diese seit einigen Jahren stattfindende Integration von geistig behinderten Kindern in den Regelschulbereich (inkl. Kindergarten) ihre Würde verletzt und will dies begründen, ohne hier auf den Würdebegriff näher einzugehen. Die Würdeverletzung ergibt sich dadurch, dass die Behinderung dieser Kinder bagatellisiert wird. Ich kann die Gründe, die die Integration in einem anderen Licht erscheinen lassen, hier nur ansatzweise skizzieren:

1. Abbruch

Fast alle diese Kinder müssen nach einer unbestimmten Zeit den Regelbereich wieder verlassen. Einzelfälle, die mehrere Jahre in der Regelschule mitgetragen werden, stellen hier kein Gegenargument dar. Exakte empirische Daten hierzu waren nicht eruierbar.

2. Förderung und Therapien (insbesondere: Physio-, Ergotherapie und spez. Logopädie)

Wenn nun ein geistig behindertes Kind in den Regelbereich „integriert“ wird, so erhält es nicht mehr die für das Kind konzipierte Erziehungstherapie auf heilpädagogischer Basis. Der Schweregrad der Behinderung, der Beeinträchtigung wird ausgeblendet, bagatellisiert.

3. Permanente Überforderung

Die These ist nun, dass ein geistig behindertes Kind sich in einer permanenten Überforderungssituation befindet. Das hier Ausgeführte bezieht sich aber nicht nur auf Lerngegenstände, sondern allgemein auch auf alle sozialen Interaktionen. Auch die laufen für ein geistig behindertes Kind viel zu schnell ab. Ein Blick in die Theorien von Piaget, sowohl bzgl. der Intelligenz- wie der Entwicklung des moralischen Urteils, lassen diese These leicht verifizieren.

4. Exotenstatus

Gängige Praxis ist, dass ein geistig behindertes Kind allein in einer großen Gruppe von nicht-geistig behinderten Kindern integriert wird. Das heißt, es erhält einen Exotenstatus. Das betreffende Kind hat kein Vis-à-vis. Es erhält einen Außenseiterstatus. Man entzieht es seiner Bezugsgruppe und stellt es auf sich allein. Stellen Sie sich selber einmal diese Situation für sich selber vor. D.h. Sie befinden sich jeden Tag in einem Umfeld, in dem sie nicht recht verstehen, was sich da eigentlich abspielt und in dem man sie nur qua Mitleid akzeptiert.

5. Separation durch „Integration“

Schwer- und mehrfachbehinderte Kinder, mit Sonden, in Rollstühlen, mit Orthesen, elektronischen Sprachausgabegeräten usw. werden nicht in die Integrations-Diskussion miteinbezogen. Diese Form der Integration erhöht somit den Faktor der Separation, weil schwerer behinderte Kinder nicht integriert werden.

6. Um wessen Wohl geht es?

Integrationsbefürworter, die die spezifische Didaktik der Geistigbehindertenpädagogik einfach ausblenden wollen, versetzen letztlich die Förderung dieser Menschen in einen Zustand, der an die 1960er Jahre erinnert. Das heißt, die Bildbarkeit, die Förderung (ganzheitlich) kognitiv beeinträchtigter Menschen spielt plötzlich keine Rolle mehr. Deshalb müssen sich diese Leute die Frage gefallen lassen, ob es mehr um ihr eigenes Wohl geht?

7. Integration steht schräg in der heutigen Bildungslandschaft

Anzumerken ist auch, dass die heutige Diskussion um die Integration fernab jeglicher Schulentwicklung steht. Wir haben im Verlaufe der letzten Jahrzehnte genau das Gegenteil erlebt, indem immer stärker eine weitere Differenzierung im Schulsystem stattgefunden hat. Beispiele: Fachmittelschule, Berufsmaturität, Fachhochschule, Hochbegabtenklassen usw. Alle diese Schultypen sind geschaffen worden, weil man davon ausgegangen ist, dass es Gruppen von Lernenden gibt, die in einem allgemeinen Schultypus nicht adäquat gefördert werden können. So wurden auch Versuche, gleiche Kurse an Volkshochschulen für behinderte und nicht-behinderte Menschen anzubieten, wieder eingestellt

8. Instrumentalisierung kognitiv beeinträchtigter Kinder

Oft ist mir auch das „Argument“ entgegengehalten worden, dass es doch für die nicht-behinderten Kinder „schön“ (o.ä.) wäre, wenn sie mit behinderten Kindern in Kontakt kommen würden. Das ist zum einen Teil richtig und man muss sich vermehrt Gedanken darüber machen, wie dieser Kontakt gefördert werden kann. Aber in der jetzigen Konstellation ist der Preis zu hoch.

9. Regelschule ist nicht bereit und nicht vorbereitet auf kognitiv beeinträchtigte Kinder

Es existieren weder Lehrmittel, um integrierte Kinder adäquat fördern zu können, noch sind die Regelschulen bereit und in der Lage (Personal, Räumlichkeiten, Organisation etc.), neben ihren anderen, vielfältigen Aufgaben, diese Integration sinnvoll bewerkstelligen zu können. Hier liegt wohl auch der Grund, dass auch bis heute nicht mehr als 3 % aller kognitiv beeinträchtigten Kinder, zeitweise, integriert wurden.

Mögliche Alternativen

Andere Formen der Integration könnten z. B. eine Form der Teilintegration sein, die über Jahre durchgeführt werden kann und mit der wir in der RGZ-Stiftung sehr gute Erfahrungen gemacht haben. Oder man könnte sich Gedanken dazu machen, inwieweit die Integration, gefördert durch die Schule (Klassenfreundschaften, gemeinsame Lager, Ausflüge, Projekte, Theateraufführungen etc.) zur Durchführung gelangen kann. Es ist ohne weiteres vorstellbar, dass innerhalb einer Regelschule eine Klasse mit kognitiv beeinträchtigten Kindern gefördert wird.


Weitere Ausführungen hierzu kann man meinem kürzlich erschienenen Buch entnehmen:
Bonfranchi, R.: Ethische Handlungsfelder der Heilpädagogik. Integration und Separation von Menschen mit geistigen Behinderungen. Verlag Peter Lang, Bern 2011.