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SozialAktuell — Die Fachzeitschrift für Soziale Arbeit

Monatsthema:

Asylwesen

Zwischen Integration und Ausgrenzung

Daniel Iseli, Claudia Grebenarov und Robert Löpfe


Flüchtlinge sind Boten des Unglücks: Sie berichten von persönlichem und familiärem Verhängnis, von schwierigen oder katastrophalen Situationen in ihrem Herkunftsland. Sie kommen in das Land der Glücklichen: Gemäss verschiedenen Glücksindizes belegt die Schweiz Rang 1 bis 4 in dieser Weltrangliste. Kann das gut gehen? Zufriedene Menschen lassen sich ungerne stören und fürchten nichts so sehr wie das eigene Schlechtergehen. Die einen reagieren trotzdem dankbar im Hinblick auf das persönliche Wohlergehen und fühlen sich motiviert zu Hilfsbereitschaft für die Ankommenden, andere wünschen Asylsuchende ins Pfefferland.
Die gewaltigen Gegensätze und Widersprüche dieses Planeten werden selten so fassbar wie in der Asyl- und Flüchtlingsfrage und sind dort auch nicht «lösbar». Sie können höchstens mehr oder weniger gut bewältigt werden. So ist man sich in der Fachwelt heute beispielsweise einig, dass die Integration am ersten Tag beginnen sollte. Das nützt den Hierbleibenden wie auch denjenigen, die wieder zurückgehen müssen. Die Asylpolitik und die Umsetzung bleiben jedoch immer reaktiv und in Widersprüchen gefangen, und das entsprechende Gesetz wird dauernd revidiert.
In dieser Nummer richten wir den Fokus auf die praktische Umsetzung in Bund, Kantonen und Gemeinden. Das beginnt mit Grundsatzartikeln zur heutigen Situation und zu Diskussionen rund um das Asylwesen (Gebremariam; Probst und Efionayi-Mäder) und zur zentralen Frage der Integration (Kessler). Anschliessend folgen handlungsorientierte Beiträge zur Sozialen Arbeit in Sozialhilfe (Bickel und Schmutz), in der Arbeitsintegration (Gäumann; Bachmann) und in Gemeinschaftszentren (Cajas). Abgerundet wird die Themennummer mit einem vertiefenden Blick auf das Vermitteln von Regeln und Werten (Eser Davolio und Kunz Martin), einem Artikel eines Betroffenen (Tahir) und einem das Thema Migration noch weiter öffnenden Text zur Sozialen Arbeit mit Sans-Papiers (Lopez).
Sicher ist, es gäbe noch vieles zu sagen. Wir bleiben dran, hoffentlich bleiben Sie es als Leserinnen und Leser auch.

Kolumne: von aussen betrachtet
Simon Chen,
Verbalarbeiter mit Auftrittskompetenz

Ich bin nicht vom Fach...
… aber es gibt Themen, die gehen alle etwas an. Erinnert ihr euch an meine April-Kolumne vom letzten Jahr zum Thema Flüchtlinge? Damals gab ich meiner Hoffnung Ausdruck, das Thema möge in einem Jahr vielleicht nicht mehr so omnipräsent sein. Natürlich war meine Hoffnung vergebens. Flüchtlinge und damit Asylsuchende sind immer noch ein Riesenthema; ob es jetzt 20 Prozent mehr oder 10 Prozent weniger sind als im gleichen Vorjahresquartal, ist nicht wesentlich.
Ich weiss nicht so recht, was ich über dieses Thema noch schreiben könnte, das nicht schon hundertfach geschrieben worden ist. Das Grundproblem scheint mir die Unvereinbarkeit der zwei Blickwinkel, aus denen man das Thema anschauen kann: generell und individuell. 20 000 Asylsuchende sind eine Gruppe, 20 000 Asylsuchende sind aber auch 20 000 Einzelfälle. Jede Masse besteht aus Einzelteilen. Alle, die im Lotto leer ausgehen, sind ja auch Einzelfälle; zwar sind sie alle Verlierer, aber jeder von ihnen hat auf andere Zahlen getippt.
Nun kann die offizielle Asylpolitik aus nachvollziehbaren Gründen nicht für jeden einzelnen Fall eine individuelle Regelung finden. In einer Demokratie zählt zwar jede einzelne Stimme, aber schlussendlich muss jede und jeder sich der Mehrheit und den daraus resultierenden Gesetzen beugen. Ebenso unumstösslich ist aber auch die Tatsache, dass jeder Einzelne dieser geflüchteten Menschen seinen persönlichen Grund hatte, hierherzukommen. Man kann alle in den Topf «Menschen» schmeissen, aber damit hat es sich dann auch schon.
Vor dem Hintergrund dieser unvereinbaren Gegensätze von Masse und Individuum, von Politik und Einzelschicksal werden zuweilen sehr merkwürdige, willkürlich anmutende Entscheidungen gefällt. Auf dem Papier statistisch, im Einzelfall aber tragisch. Ich gebe Deutschunterricht für Flüchtlinge. P., eine junge Frau aus einem afrikanischen Land, kommt seit Kurzem nicht mehr. Sie wurde wegen des Dublin-Abkommens nach Italien ausgeschafft. Jahrelang hat sie in der Schweiz Deutsch gelernt, ihre Kinder gingen hier zur Schule. Jetzt kann sie wieder von vorne beginnen. Sowas macht mich sprachlos.
Deutsch zu verstehen, ist für einen Flüchtling schwierig. Jetzt, wo ich sie vermitteln soll, merke ich, wie kompliziert unsere Sprache ist. Aber man kann sie lernen. Schwieriger sieht es mit unserer Asylpolitik aus – ich wäre jedenfalls nicht imstande, sie irgendwem zu vermitteln.
Jetzt hab ich doch etwas geschrieben. 2400 Zeichen. In meiner Muttersprache. In meinem Heimatland. Als ob das selbstverständlich wäre.