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SozialAktuell — Die Fachzeitschrift für Soziale Arbeit

Monatsthema:

Religion

Soziale Arbeit in einer multireligiösen Gesellschaft

Claudia Grebenarov und Benjamin Shuler


Religion ist eine der Wurzeln der Sozialen Arbeit und spielt heute noch eine bedeutsame – teils fruchtbare, teils problematische – Rolle in der Profession. Insbesondere Studierendenorganisationen an Hochschulen für Soziale Arbeit weisen darauf hin, dass die Anzahl der Mitstudierenden, welche christlich-fundamentalistische Positionen vertreten, stark zugenommen habe. Dies äussert sich vor allem in Diskussionen zu sexuellen Präferenzen oder Familienmodellen. Die Fachhochschulen müssen sich klar gegen jede Form der Intoleranz und Diskriminierung positionieren.
Der persönliche Glaube ist für viele Professionelle das Fundament für eine wertschätzende und unterstützende Haltung gegenüber ihren KlientInnen. Der Einleitungsartikel zeigt die unterschiedlichen Funktionen von Glauben für die Alltagspraxis in der Sozialen Arbeit auf. Das Fazit: Gläubige Menschen sind weder bessere noch schlechtere Professionelle. Der zweite Beitrag befasst sich mit dem Begriff Sekte und weist auf das Konfliktpotenzial von strikten Glaubensprinzipien hin. Beispiele für die Rolle der Religion im Berufsalltag veranschaulichen die Beiträge zur Gefängnis- sowie zur Flughafenseelsorge und zur pfarreilichen Sozialen Arbeit.
In Ihrem Berufsalltag werden Professionelle nicht nur mit ihrem eigenen Glauben bzw. Nichtglauben konfrontiert, sondern auch mit den Weltanschauungen und religiösen Identitäten ihrer KlientInnen: Wie ist beispielsweise die jüdisch-orthodoxe Lebensweise mit den SKOS-Richtlinien vereinbar? Welche Berührungspunkte bestehen in der Sozialen Arbeit mit dem Phänomen der dschihadistischen Radikalisierung, und wie sollen Sozialarbeitende mit diesen Herausforderungen umgehen? Bei aller Kritik an fundamentalistischen Haltungen von AdressatInnen der Sozialen Arbeit zeigt der letzte Beitrag auf, dass das Ernstnehmen von Glaubenssystemen als zentraler Ressource von KlientInnen unabdingbarer Bestandteil einer lebensweltorientierten Sozialen Arbeit sein muss.
Religiöse Vielfalt in der Gesellschaft ist heute grösser denn je. Die Forschenden des Nationalen Forschungsprogramms 58 (NFP 58) zählten 2011 in der Schweiz 5734 religiöse Gemeinschaften. Wir leben in einer multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft, in welcher sich die Soziale Arbeit zwingend mit Religiosität beschäftigen muss, damit ein angemessenes professionelles Handeln überhaupt möglich ist.
Das vorliegende Heft setzt sich kritisch mit der Rolle der Religion in der Sozialen Arbeit auseinander. Wie halten Sie es, liebe Leserin, lieber Leser, mit dem Glauben, mit der Religion? Wir wünschen Ihnen eine gute Lektüre und die eine oder andere Anregung für einen bewussten Umgang mit dem eigenen Glauben und der Reflexion Ihrer Einstellung zu Religion.

Kolumne: von aussen betrachtet
Simon Chen,
Verbalarbeiter mit Auftrittskompetenz

Ich bin nicht vom Fach...
... ...aber ich wurde einst getauft und habe so meine Erfahrungen mit Religion gemacht. Ich habe als Kind täglich in der Bibel gelesen und allabendlich gebetet, war in der Jungschar (eine Art christliche Pfadi), aber der Funke des Glaubens wollte nie auf mich überspringen, es kam nie ein Kontakt mit Gott zustande. Es war, wie wenn einer jahrelang im Fussballclub trainiert und doch nie ein Tor zustande bringt.
Der Glaube hat für mich irgendwann an Reiz verloren, die Religion ist ein Reizthema geblieben. Eins ist für mich klar: Der Umstand, dass es verschiedene Religionen gibt, von denen jede für sich beansprucht, den einen und einzigen Gott anzubeten; ebenso die Tatsache, dass unsere christliche Kirche in eine katholische und eine protestantische und darüber hinaus in eine Unzahl weiterer Splittergruppen unterteilt ist, beweisen, dass Gott ein Konzept der Menschen ist. Selbst die mir sympathischere Ansicht, wonach alle Menschen zum gleichen Gott beten, zeigt ebenso, dass Religion eben Ansichtssache und in höchstem Masse eine Frage der menschlichen, individuellen Interpretation ist. Doch wahrlich, eines hat die Religion der Wissenschaft voraus: Da sie auf dem Glauben beruht, ist ein Gott unwiderlegbar.
Wenn Gott auch eine Erfindung des Menschen ist, muss das nicht zwingend heissen, dass Religion an sich etwas Sinnloses oder gar Verwerfliches ist. Aus dem Glauben an eine höhere Macht kann auch Gutes erwachsen. Ist die christliche Nächstenliebe etwa nicht das höchste Gebot für unser Zusammenleben? Ein Gebot, das leider zurzeit und weltweit auf höchster politischer Ebene sträflich vernachlässigt wird.
Die Kirche als Gebetshaus spielt eine immer geringere Rolle, aber wenn sie umso mehr soziale Aufgaben übernimmt, erhält sie wieder Legitimation. Denn was ist Soziale Arbeit anderes als angewandte Barmherzigkeit? (Dass ihr damit auch noch Geld verdient, ja nun vergelts Gott …). Ich glaube, der Glaube an einen Gott kann einem Menschen Halt oder sogar Haltung geben. Andere treiben Sport, machen Yoga oder Politik.
Dennoch denke (nicht glaube) ich, Religion muss Privatsache bleiben. Jeder Glaube ist individuell. Religion darf keine Erwartungen und Ansprüche an andere stellen. Religion kann von mir aus Mittel zum Zweck sein. Und der Zweck heiligt bekannter- und hier passenderweise die Mittel.