AvenirSocial - Professionelle Soziale Arbeit Schweiz

SozialAktuell — Die Fachzeitschrift für Soziale Arbeit

Monatsthema:

Kinder in familiären Krisen

Exponiert und unbeachtet

Ursula Christen

Was auch immer Erwachsene entscheiden, tun oder unterlassen: Kinder sind mitbetroffen. Ihr Leben beginnt mit dem Entscheid Erwachsener zu einem Kind; Väter und Mütter bestimmen, wie gross die Familie wird und mit wie vielen Geschwistern ein Kind aufwächst. Indirekt bestimmen Eltern also auch, wie viele Cousins, Tanten und Onkel andere Kinder später haben werden. Die berufliche Tätigkeit von Mutter und Vater prägt den familiären Alltag. Die religiöse und politische Einstellung der Bezugspersonen, ihre Hobbys, ihr Umgang mit anderen Menschen und ihre Geschlechterbilder stellen für die Aufwachsenden wichtige Orientierungspunkte dar. Der Lebensweg der Eltern wird zum Schicksal ihrer Kinder und ist im besseren Fall bereichernd, im schlechteren Fall schädlich für deren Entwicklung. Mit zunehmender Urteilsfähigkeit haben Kinder Mitspracherechte. Und der Schweizer Staat gibt sich einerseits die Pflicht, über das Kindeswohl zu wachen sowie andererseits das Recht, bei Verletzung desselben einzuschreiten.
Dieses Heft thematisiert die Mitbetroffenheit von Kindern bei familiären Belastungen anhand einiger ausgewählter Beispiele. Wie erleben Kinder die Suchterkrankung eines Elternteils, wie die gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen ihren Eltern? Wie ist es, den Vater im Gefängnis zu besuchen? Welchen Belastungen sind Kinder ausgesetzt, wenn sie mit ihren Eltern in die Schweiz geflüchtet sind oder wenn ihre Familie einer streng religiösen Gemeinschaft angehört? Welche Rolle spielen Kinder, wenn sie beim Sozialdienst für ihre Eltern übersetzen? Und welche Rolle spielt dies für sie?
Was macht Kinder stark und resilient? Und woran drohen sie zu zerbrechen? Wie können Kinder optimal in Abklärungsverfahren einbezogen werden, sodass ihre Anhörung Selbstwirksamkeit erzeugt? Wie können Aussenstehende begleiten und beschützen, ohne bereits belastete Familiensysteme noch weiter zu destabilisieren? Anders gefragt: Was brauchen Kinder in Notsituationen, und von wem bekommen sie es (nicht)? Tun wir genug, tun wir das Richtige und tun wir es richtig, um Kindern in Schwierigkeiten zu helfen?
Der thematische Schwerpunkt dieses Heftes liefert Grundlagen und Denkanstösse, wie der Mitbetroffenheit von Kindern in problembelasteten Familien begegnet werden kann.

Kolumne: von aussen betrachtet
Simon Chen,
Autor und Kabarettist


Mitgefangen, mitgehangen

Kinder im Bad






A: Warum müssen wir schon wieder baden, wir haben doch
gerade erst gestern gebadet?
B: Ich bade gerne.
A: Ich auch, aber nicht so oft. Warum heute schon wieder?
B: Weil Mama und Papa in Ruhe streiten wollen.
A: Weil sie streiten wollen?
B: Ja, immer wenn Mama und Papa streiten wollen, stecken sie
uns in die Badewanne.
A: Streiten sie denn jetzt, ich hör nichts?
B: Eben. Sie wollen nicht, dass wir es hören. Deshalb stecken sie
uns in die Badewanne. Das Badezimmer ist das Zimmer, das
von der Küche am weitesten weg ist, da hören wir sie nicht.
A: Streiten sie immer in der Küche?
B: Ja, weil es am weitesten weg vom Badezimmer ist.
A: Aber warum müssen wir denn immer baden, wir könnten
doch einfach im Badezimmer spielen?
B: Damit sie einen Grund haben, uns ins Badezimmer zu
stecken. Sie können ja nicht gut sagen, ihr müsst ins Badezimmer,
wir wollen in Ruhe streiten. Aber sie können sagen, ab in die Badewanne, ihr stinkt!
A: Ich stinke aber nicht.
B: Ich weiss.
A: Warum streiten sie denn?
B: Weiss ich nicht.
A: Vielleicht wollen sie sich scheiden lassen.
B: Vielleicht. Dann hätten wir nicht mehr diesen doofen Doppelnamen?
A: Welchen Doppelnamen?
B: Müller-Lüdenscheid. Ich würde lieber nur Bianca Müller
heissen
als Bianca Müller-Lüdenscheid.
A: Ich auch. Nur Alma Müller.
B: Ich habe schon ganz verschrumpelte Finger.
A: Ich auch.
B: Gib mir meine Badeente.
A: Das ist nicht deine Badeente, das ist meine!
B: Nein, meine!!
A: Meine!!! …
Die Tür geht auf.
M+P: Hört auf zu streiten!!!!