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SozialAktuell — Die Fachzeitschrift für Soziale Arbeit

Monatsthema:

Hilfen zur Erziehung

Intensive Unterstützung in Entwicklungskrisen

Benjamin Shuler


Liebe Leserinnen, liebe Leser,
Das Austesten und Verletzen von Grenzen gehört zur Adoleszenz. Wenn Jugendliche aber sämtliche Regeln missachten, delinquieren, Rauschmittel konsumieren und sich selbst oder andere gefährden, brauchen sie sowie ihre Eltern Hilfen zur Erziehung. Dieser in der Schweiz relativ neu eingeführte Begriff umfasst die Angebotspalette der intensiven ambulanten und stationären Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe wie beispielsweise sozialpädagogische Familienbegleitung oder Heimerziehung). Der Anteil der Jugendlichen mit einem Bedarf an Hilfen zur Erziehung ist klein. In dieser Gruppe gibt es nochmals einen kleinen Anteil an Jugendlichen, welche auch das Helfersystem an seine Grenzen bringt. Auch wenn sich diese so genannten „Systemsprenger“ bezogen auf alle Jugendliche in der Schweiz numerisch im Promillebereich bewegen, binden sie einen Grossteil der Ressourcen in Fachdiensten, Kindesschutzbehörden und Heimen und bringen teilweise auch erfahrene Fachleute an den Rand der Verzweiflung und Erschöpfung.
Wie kommt es zu diesen schweren Krisen im Jugendalter? Während die Kinder- und Jugendpsychiatrie den einzelnen Jugendlichen in den Blick nimmt und beispielsweise eine Störung des Sozialverhaltens diagnostiziert, legt die Soziale Arbeit den Fokus traditionell eher auf systemische und soziologische Ursachen Einig ist man sich heutzutage aber weitgehend darin, dass eine erfolgreiche Betreuung und Behandlung dieser Jugendlichen nur in der Kooperation von Sozialer Arbeit und Kinder- und Jugendpsychiatrie gelingen kann.
Obwohl die Begleitung und Betreuung von Jugendlichen in besonders schweren Lebenssituationen zu den anspruchsvollsten Aufgaben in der Sozialen Arbeit gehört, stehen Fachpersonen dafür wenig spezifische Werkzeuge zur Verfügung. In letzter Zeit sind zwar neue Instrumente im Bereich Kindesschutz entwickelt worden, diese fokussieren aber auf Kindeswohlgefährdungen wie Misshandlung oder Vernachlässigung durch die Eltern und sind bei schweren Verhaltensauffälligkeiten im Jugendalter nur bedingt anwendbar.
Ein Mangel herrscht auch bei den ambulanten und stationären Angeboten für „Systemsprenger“. Die Schweiz verfügt zwar über eine grosse Auswahl an qualitativ gut arbeitenden Anbietern von Hilfen zur Erziehung, aber oft fehlt es an der Möglichkeit, für Jugendliche in besonders belasteten Situationen ein massgeschneidertes Angebot zu entwickeln. Seitdem „Carlos“ und „Boris“ über den medialen Boulevard gezerrt wurden, zögern vermehrt auch Behörden und Ämter „Sondersettings“ zu bewilligen beziehungsweise zu finanzieren.
In diesem Schwerpunkt finden sich neben Beiträgen, welche mögliche Ursachen schwerer Krisen im Jugendalter beleuchten, eine Reihe von Artikeln, die Angebote für unterschiedliche Zielgruppen der Hilfen zur Erziehung vorstellen, nicht nur für junge Männer wie «Carlos». Denn Ziel aller Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe muss es sein, Krisen von Kindern, Jugendlichen und Familien rechtzeitig aufzufangen – bevor sie eskalieren und schliesslich Schlagzeilen machen.
Wir wünschen Ihnen eine interessante Lektüre.

Kolumne: von aussen betrachtet
Simon Chen,
Verbalarbeiter mit Auftrittskompetenz

Ich bin nicht vom Fach ...
...aber ich erziehe auch. Und die beste Hilfe zur Erziehung ist meiner Meinung nach die durch den Partner. Erziehung gelingt am besten, wenn sie auf mehrere Schultern verteilt ist. Aber obwohl das die Mehrheit gut fände, arbeiten noch immer viel zu wenig Väter Teilzeit, um Erziehungsaufgaben zu übernehmen. Das liegt natürlich vor allem an den Männern. Einerseits an den Chefs, die ihren angestellten Papis nicht erlauben, ihr Pensum zu reduzieren. Aber auch an den angestellten Papis selbst, welche dies nicht genügend einfordern, um ihre Karriere nicht zu gefährden. Ihr Wille, ein oder zwei Tage mehr zu Hause zu sein, ist in vielen Fällen mehr theoretischer denn praktischer Natur, es ist leiser Wunsch, aber keine lautstarke Forderung. Die jahrhundertelange Tradition, dass Papa von 7 bis 18 Uhr ausser Haus ist, wiegt eben schwer.
Und sie wissen auch nicht, was ihnen entgeht! Ich kann das jetzt aus zehnjähriger Erfahrung als aktiver Erziehungsberechtiger sagen: Jungväter, ihr verpasst was! Im übrigen kann es kein Kaderposten mit dem Anforderungsprofil eines engagierten family managers aufnehmen: etwa im Gebrüll deines Kindes nach Inhalten zu suchen oder ihr Gebrabbel richtig zu interpretieren. Ihr Geschrei aus dem Geschreibrei eines Kinderspielplatzes herauszuhören. Es jederzeit und überall zu machen; auf dem Klo, auf dem Boden, im Zug – Windeln wechseln. Mit dem Gefühl der Minderheit klarkommen, wenn du auf dem Spielplatz der einzige Mann unter lauter Müttern bist. Kurz: Vaterschaft ist Alltag, nicht quality time! Quality time hielte keiner Quantitätskontrolle stand. Denn für Kinder ist die Präsenz ihres Vaters wie Süssigkeiten: viel ist gut. So wie Ersatzfussballer nur Ersatzfussballer sind, sind Wochenendväter eben nur Wochenendväter. Die Erfüllung der ehelichen Pflicht am Sonntagmorgen hat ja auch nichts mit Ehe zu tun. Vaterschaft ist eben nicht, wenn der Vater schafft. Und noch etwas: mann erhält sehr viel zurück! Und zwar jeden Tag und nicht erst am Ende des Monats; nicht vom Chef, sondern von seinen lieben Untergebenen.
Teilzeitarbeit zugunsten von Kinderzeit heisst, dass du dich nach zweienhalb Tagen Stress in der Firma auf die Abwechslung mit den Kindern freust, und nach zweienhalb Tagen Hektik mit den Gören wieder froh bist, ins Büro gehen zu dürfen. Eine klassische Win-win-Situation.
Liebe Frauen, diese Kolumne war jetzt nicht so für euch. Es sei denn, sie zeigt Werbewirkung, und eure Männer leisten euch in Zukunft tatkräftige Hilfe zur Erziehung.