AvenirSocial - Professionelle Soziale Arbeit Schweiz

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SozialAktuell — Die Fachzeitschrift für Soziale Arbeit

Monatsthema:

Existenzsicherung im Umbruch – ein Blick über die Grenzen


Von Christoph Mattes und Stefan Michel

Die unterschiedlichen Modelle der Existenzsicherung in Europa miteinander zu vergleichen, sei es im wirtschaftlich-finanziellen Bereich aber auch im Bereich nicht materieller Hilfen, ist ein nicht ganz einfaches Unterfangen. Schliesslich geht es neben einer vergleichenden Analyse von unterschiedlichsten Paradigmen der Bedarfsdeckung und differenzierten Fragen des Existenzminimums in verschiedenen Ländern auch darum, mit welchem Verständnis Akteure und Institutionen der Sozialen Arbeit flankierend den Menschen bei Seite stehen. In welcher Trägerschaft sind die jeweiligen Beratungsangebote, wie viel Einzelfallarbeit ist möglich oder wie verallgemeinert werden Lebenslagen begriffen, in denen Hilfe und Unterstützung erforderlich sind und bereitgestellt werden.
Diese Fragen sind im Lichte der gegenwärtigen Wirtschafts-, Finanz-, Schulden-, Euro- oder Sozialstaatskrisen in den Hintergrund gerückt. Wie auch immer die gegenwärtige Krise betitelt wird, die Lage in vielen Europäischen Ländern ist prekär. Ein realistischer Lichtblick, der auf bessere Zeiten hoffen lässt, ist derzeit weder zu erkennen noch zu erahnen.
Der Fokus dieser Ausgabe von SozialAktuell beleuchtet den Gegenstand der Existenzsicherung, die Rolle der Sozialen Arbeit und die Arbeitsweisen im europäischen Vergleich. Mit Beiträgen aus Deutschland, Griechenland, Grossbritannien, den Niederlanden und Schweden soll exemplarisch aufgezeigt werden, ob und wie sich die Soziale Arbeit verändert hat und welches die neuen Herausforderungen sind. Es handelt sich dabei nicht um einen Ländervergleich. Wir haben Beiträge aus europäischen Staaten gesammelt, die nach unserer Einschätzung in der jüngeren Vergangenheit sozialpolitisch „auf sich aufmerksam gemacht“ haben. Die einzelnen Länderberichte sollen einen Einblick darin geben, in welcher Unterschiedlichkeit sich die gegenwärtige internationale Krise auf nationaler Ebene auswirkt, bis hin auf die Ebene der Beratung und der Unterstützung von Nutzerinnen und Nutzer der Sozialen Arbeit.
In einem Übersichtsartikel versucht Beat Baumann im Sinne einer Synthese die Sparmassnahmen zu analysieren, welche die Behörden europaweit einführen, und deren Konsequenzen für die Sicherungssysteme auszuzeigen. Die Folgen dieser Leistungskürzungen sind für die Profession der Sozialen Arbeit von weitreichender Bedeutung: Sie erfordern mittelfristig nicht weniger als eine Erneuerung ihres Hilfeverständnisses und des Hilfeangebots, wie Christoph Mattes und Andreas Wyss in ihrem professionstheoretischen Beitrag zeigen.
Kolumne
Von Beat Baumann
Bedrohte Sozialstaaten: Finanzielle Basis sichern und Einkommensungleichheit abbauen!
Einige primär südeuropäische Staaten sind in einen sich verstärkenden Kreislauf von Sparmassnahmen, abnehmender Binnennachfrage, sinkenden Investitionen und BIP geraten. Sparmassnahmen machen neue Sparmassnahmen nötig. Bei der Haushaltssanierung zeigt sich ein Muster, das sich in allen Ländern wiederholt: Lohnkürzungen und Stellenabbau beim Service public, Kürzungen bei den Sozialleistungen und eine Erhöhung der Mehrwertsteuer. Einen gewissen Handlungsspielraum haben die nationalen Sozialstaaten auch heute noch, aber sie müssten die Sozialpolitik neu ausrichten, Mindestsicherung aus- und Privilegien abbauen.
Buch des Monats:

Heimkinder. Eine Geschichte des Aufwachsens in der Anstalt.


Rezension von Hanspeter Hongler
Hafner, Urs (2011). Heimkinder. Eine Geschichte des Aufwachsens in der Anstalt. Baden: Verlag hier+jetzt. 207 Seiten, 978-3-03919-218-2, CHF 38.00.
Im Buch von Urs Hafner kommt zuerst einmal die Quellenfrage zur Sprache. Dabei stellt sich nicht nur das Problem, dass die Geschichte des Aufenthalts «von Kindern in fremden Familien bis ins 19. Jahrhundert kaum Spuren hinterlassen» (S.9) hat, sondern auch, dass die meisten Quellen die Sicht der Erwachsenen wiedergeben, wobei die Erwachsenen in diesem Fall in aller Regel Anstaltsleiter und Heimerzieher sind, also genau jene Personengruppe, die ein Interesse daran hat, ein eher positiv gefärbtes Bild zu vermitteln.
Die historische Betrachtung setzt dann ein mit den mittelalterlichen Stiftungen wohlhabender und einflussreicher Adliger, die sich mit der Gründung von Spitälern und Klöstern im Diesseits unsterblich und dem Himmelreich wohlgewogen zu machen versuchten. Diese Spitäler dienten gleichzeitig als Herberge für mittellose Reisende und Asylsuchende, als Verwahrungsanstalt für Irre und Verbrecher wie auch als Versorgungsanstalt für Verwitwete, Waisen und Findelkinder. Erst mit der Reformation kam es zu einem langsamen Umdenken.
Die Qualität des Buchs liegt nicht darin, dass es grundlegend neue Erkenntnisse dokumentiert. Der Autor stützt sich ausschliesslich auf bereits veröffentlichtes, zum Teil aber auch älteres, wenig bekanntes Quellenmaterial. Interessant sind dabei zum einen die spezifischen lokalen Bezüge und Vergleiche, zum andern aber auch der Blick in die Romandie und über die Grenzen der Schweiz, um grössere geistesgeschichtliche Zusammenhänge sichtbar zu machen.