AvenirSocial - Professionelle Soziale Arbeit Schweiz

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SozialAktuell — Die Fachzeitschrift für Soziale Arbeit

Monatsthema:

Care

Zwischen Krise und Revolution

Armin Eberli und Ursula Binggeli


Care-Arbeit ist Ihr Kerngeschäft, liebe Leserinnen und Leser. Denn Professionelle der Sozialen Arbeit sorgen beruflich fur andere Menschen – Soziale Arbeit ist (bezahlte) Care-Arbeit. In den heutigen,von Finanzdruck und neoliberalem Gedankengut geprägtenZeiten wird zudem der Aspekt der «Selbstsorge» fur Professionelle der Sozialen Arbeit immer wichtiger.
Der grössere Teil der in der Schweiz geleisteten Care-Arbeit wird aber nicht von den Fachleuten geleistet, sondern – unbezahlt – von Menschen, die auf privater Basis ihnen nahestehende Personen betreuen und pflegen. Es sind grossmehrheitlich Frauen, die hier jährlich insgesamt mehr als zwei Milliarden Stunden investieren.
Wir haben uns bei der Planung dieser Ausgabe von SozialAktuell entschieden, die unbezahlt geleistete Care-Arbeit zu fokussieren, und sind auch damit nahe bei der Sozialen Arbeit. Denn viele Sozialarbeitende sind mit dem unbezahlten Sektor der Care-Arbeit konfrontiert, weil ihre KlientInnen sich in diesem bewegen, zum Beispiel als alleinerziehende Mutter. Oft ist ihnen die unentgeltlich geleistete Care-Arbeit zudem aus eigener Erfahrung bekannt, weil sie selber neben dem beruflichen Engagement auch in ihrem privaten Umfeld fur andere da sind, zum Beispiel fur die immer gebrechlicher werdenden eigenen Eltern.
Die Autorinnen und Autoren der vorliegenden Ausgabe von SozialAktuell beleuchten das grosse Thema Care-Arbeit aus verschiedenen Perspektiven. Sie diskutieren und klären Begrifflichkeiten rund um Care und Care-Arbeit, und sie richten den Blick auf spezifische Aspekte. Auf die länderubergreifende Gesellschaftsutopie namens Care Revolution und auf die sich bei Care-Arbeit mit Dringlichkeit stellende Gleichstellungsfrage. Auf die wichtige Rolle der Grosseltern in der Kinderbetreuung und auf das in derSchweiz immer weiter verbreitete Care Farming. Nicht zuletzt geht es aber auch um den Bereich der schlecht bezahlten Care-Arbeit und, damit verbunden, um prekäre Lebenssituationen.
Nun wunschen wir Ihnen eine anregende und erkenntnisreiche Auseinandersetzung mit dem Thema Care. Wie immer sind wir an Reaktionen, zum Beispiel in Form von Leserbriefen, sehr interessiert.

Kolumne: von aussen betrachtet
Simon Chen,
Verbalarbeiter mit Auftrittskompetenz

Ich bin nicht vom Fach...
... aber ich kann Englisch. Wenn ich mich richtig erinnere, kam ich schon vor meinem ersten Englischunterricht mit dem Wort Care in Kontakt. Nämlich wenn ich jemandem, der nur vorübergehend an einer Adresse wohnte, einen Brief schickte. Oder wenn mir meine Mutter ins Ferienlager schrieb. «Simon Chen c/o FerienkolonieAlpenblick». c/o steht für «care of» – in der Obhut von. Ich stellte mir dabei immer eine alte Schlummermutter vor, die sich um die Adressaten kümmerte und sie kaum aus den Augen liess. Schon damals wunderte ich mich, warum es dafür kein deutsches Kürzel gab.
Auch bei eurem Care frage ich mich, warum man hier auch wieder so einen englischen Begriff einführen musste, wo doch die Sozial- und Pflegebranche mit Betreuung, Pflege, Fürsorge, Obhut usw. nun wirklich gut bedient ist (es fällt auf, dass all diese Wörter weiblich sind). Wenn das so weitergeht, habt ihr irgendwann auch keine Klienten mehr, sondern nur noch Clients, und der Begriff Sozialarbeiter kommt dann nur noch in Sozialarbeiterwitzen vor.
Beim Wort Care denke ich immer an die Floskel «Take care», welche die Amis beim Verabschieden sinnentleert von sich zu geben pflegen. Bye bye, take care! Wir würden sagen «Häb dr Sorg»,«Pass uf di uf», «Bhüeti wohl», aber bei uns wird das nicht so inflationär gebraucht wie ännet dem grossen Teich. Mit «Take care»fordert man den Verabschiedeten dazu auf, zu sich schauen, auf sich aufzupassen, um sich selbst besorgt zu sein; «Take care» ist also eine Abkürzung von «Take care of yourself!» Im Grunde bedeutet das nichts anderes als: Ich hab grad keine Zeit, mich um dich zu kümmern, schau selber, dass du klarkommst, tschau!
Bei uns heisst Care hingegen «Taking care of people», es ist die Aufforderung, sich um andere Menschen zu kümmern. Wobei das Ziel natürlich immer sein sollte, dass die betreuten Personen irgendwann auf eigenen Beinen stehen können. Wenn man in diesem Zusammenhang allerdings auf ein Wort aus einer anderen Sprache angewiesen ist, ist das natürlich wenig vorbildlich ...
Aber wie gesagt, ich bin ja nicht vom Fach, das muss mich ja nicht kümmern. In diesem Sinne: Take care!