AvenirSocial - Professionelle Soziale Arbeit Schweiz

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SozialAktuell — Die Fachzeitschrift für Soziale Arbeit

Monatsthema:

Freiwilligenarbeit

Unverzichtbar - unbezahlbar - unbezahlt

Daniel Iseli und Robert Löpfe


Freiwilliges Engagement und Milizprinzip sind tragende Säulen der schweizerischen Zivilgesellschaft. Diese ist nicht nur ein wichtiger Motor für gesellschaftliche Veränderung und Innovation – auch in unserem Garten, in der Betreuung und Beratung von Menschen, wird unermessliche Arbeit aus der Zivilgesellschaft heraus geleis­tet. Es sind Hunderttausende, die nicht bei der Frage stehen blei­ben, was sie Sinnvolles tun könnten, sondern die sich schon heute für die Gemeinschaft engagieren.
In der Schweiz sind 40% der Bevölkerung in der informellen und 25% in der formellen Freiwilligenarbeit tätig. International gese­hen ist das ein Spitzenwert. Die hohe berufliche Verfügbarkeit, der Wunsch nach Ungebundenheit und Flexibilität in der Freizeit und der Aufwand für die Selbstinszenierung nehmen heute zwar einen hohen Stellenwert ein, scheinen aber die Bereitschaft zur freiwilligen Arbeit nicht zu vermindern.
Freiwillige sind aktive, gesellige und freundliche Menschen, und Freiwilligenarbeit gilt als moralisch gut. Das ist empirisch belegt. Freiwillige gehen aber durchaus von einem gegenseitigen Nehmen und Geben aus. Sie haben Ansprüche an klare Aufträge und Rol­lenzuweisungen, sie wollen Engagement mit Lernen verbinden und sie schätzen persönliche und öffentliche Anerkennung. Darin unterscheiden sie sich nicht von den Professionellen. Die profes­sionelle Soziale Arbeit hat ihren Ursprung im freiwilligen und kirchlichen Engagement. Ist vielleicht aus diesem Grund der Blick der Profis auf die Freiwilligen geprägt von einer gewissen Ambi­valenz und Spannung?
Wir versuchen in dieser Ausgabe von SozialAktuell trotzdem hinzuschauen. Wir blicken dabei über verschiedene Grenzen: System­grenzen, nationale Grenzen, disziplinäre Grenzen. Dabei können Fragen auftauchen wie: Haben jetzt die Monetarisierung, die Öko­nomisierung, das Effizienzdenken auch die Freiwilligenarbeit er­reicht? Wie kann dem abnehmenden Engagement in der formel­len Freiwilligenarbeit begegnet werden? Wohin steuert die Zivilgesellschaft bei stärkerer Professionalisierung und gesellschaft­licher Ausdifferenzierung?
Wir wissen es nicht, freuen uns aber, wenn Sie sich auf das Thema einlassen und sich – freiwillig engagiert – zu einem Kommentar oder einer Stellungnahme hinreissen lassen.

Kolumne: von aussen betrachtet
Simon Chen,
Verbalarbeiter mit Auftrittskompetenz

Ich bin nicht vom Fach...
.… aber beim Thema Freiwilligenarbeit sind alle Laien Profis. Und tatsächlich gebe ich seit kurzem ehrenamtlich Deutsch für Flüchtlinge. Auf dass sie ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt verbessern, um hoffentlich bald selbst ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können und nicht mehr nur unbezahlte oder gar illegale Arbeit verrichten zu müssen.
Wenn unsereiner morgens zur Arbeit geht, dann in der Regel, weil wir vertraglich verpflichtet sind, weil wir dafür Lohn bekommen, weil wir für unser tägliches Brot entgegen anderslautenden Ge- bete eben doch selber sorgen müssen. Ohne Einkommen können wir nicht auskommen.
Aber es ist klar, nicht jeder – und vor allem nicht jede! –, die Arbeit verrichtet, macht dies, weil sie muss. Nicht jede, die Dienst tut, tut dies nur um des Geldes willen. Und nicht jede, welche keinen Lohn bekommt, ist untätig. In der Schweiz setzt sich etwa jeder dritte Einwohner unentgeltlich für Bildungs-, Jugend- oder Seniorenarbeit ein, engagiert sich ehrenamtlich im sozialen, kirchlichen oder kulturellen Bereich oder stellt sich freiwillig in den Dienst des Tier- oder Naturschutzes. Ob als Wahlhelfer oder Walschützer, Gemeinnützigkeit kennt keine Grenzen. Jedes Jahr kommen hierzulande rund 700 Millionen Stunden Freiwilligenarbeit zusammen – unbezahlbar! Ehrenamt heisst: Der gute Zweck heiligt die nicht vorhandenen Geldmittel.
Im Zeitalter von Mindestlohnforderungen auf der einen und Bonusexzessen auf der anderen Seite können wir uns mit dieser Einkommensschere von solchen Menschen eine Scheibe abschneiden. Für Freiwillige besteht der Mindestlohn schlicht aus der Befriedigung, etwas Gutes zu tun, weil es einem am Herzen liegt.
Stellen wir uns das mal auf Stufe Millionär vor: Die UBS stellt ihr Investment-Banking auf Stufe Ehrenamt! Leider ist das völlig unrealistisch; gewinnorientierte Vermögensverwaltung, ohne dabei Geld zu verdienen, macht so wenig Sinn wie Kochen ohne Essen. Eher ist Folgendes denkbar: Roger Federer und Brad Pitt spielen fortan freiwillig, d. h. nur noch aus purem Spass an der Freud, für Gottes Lohn und zum Wohlgefallen der Menschen.
Was mich betrifft, halte ich eine Mischung zwischen bezahlter und freiwilliger Arbeit für ideal. Diese Kolumne zum Beispiel schreibe ich nicht gratis – aber freiwillig.