AvenirSocial - Professionelle Soziale Arbeit Schweiz

Sektion auswählen
Schweiz
Aargau
Beide Basel
Bern
Freiburg
Genf
Graubünden
Neuenburg
Ostschweiz
Solothurn
Waadt
Wallis
Zentralschweiz
Zürich

SozialAktuell — Die Fachzeitschrift für Soziale Arbeit

Monatsthema:

Psychische Erkrankungen

Komplexe Ursachen und vielfältige Beschwerden

Ursula Christen


Liebe Leserinnen und Leser
Bestimmt kennen Sie jemanden mit einer psychischen Erkrankung – falls Sie nicht sogar selbst betroffen sind. Das Risiko, einmal im Leben an einer psychischen Störung zu erkranken, beträgt 48 Prozent, erklärt die Psychologin Astrid Mattig. Vielleicht kommt Ihnen eines der anonymisierten Fallbeispiele bekannt vor, von denen Hugo Laager aus der Berufserfahrung eines Sozialarbeiters in einer psychiatrischen Klinik berichtet. Mag sein, dass Sie Ihren Arbeitsplatz mit einem psychisch beeinträchtigten Menschen teilen – Niklas Baer beschäftigt sich mit den Folgen psychischer Störungen auf die Arbeitswelt und mit den Erfolgen und Misserfolgen der jüngsten IV-Revisionen.
Vielleicht wissen Sie aber auch von niemandem, dass er oder sie psychisch erkrankt ist. Noch immer ist es ein Tabu, darüber zu sprechen, zu sehr haftet den Störungen heute noch der Glaube an Chronizität und Unheilbarkeit an, schreibt Uwe Bening und zeigt, wie der Recovery-Ansatz den Teufelskreis durchbrechen kann. Besonders belastend ist die Situation psychisch kranker Mütter. Renate Gutmann analysiert in ihrer Studie, welche besonderen Herausforderungen sich hier stellen und welche Art von Unterstützung sinnvoll ist. Unser historischer Streifzug legt dar, wie psychische Krankheiten früher wahrgenommen und behandelt wurden – das Erbe dieser Geschichte voller Exorzismus, Tötung und Menschenversuchen prägt bis heute Ängste und Vorurteile gegenüber Aufenthalten in einer psychiatrischen Klinik.
Katrin Gehring, Matthias Jäger und Anastasia Theodoridou zeigen auf, welche ethischen Dilemmata fürsorgerische Unterbringungen aufwerfen und wie diese mit einer Patientenverfügung abgemildert werden können. Dass akute Selbstgefährdung einerseits ein Grund für eine Zwangseinweisung in eine Psychiatrie darstellen kann und andererseits das Bundesgericht in einem Leitsatzentscheid festgehalten hat, dass unter bestimmten Voraussetzungen auch psychisch kranke Menschen Sterbehilfe in Anspruch nehmen können, legt uns Melanie Kuhn dar. Der Forschungsbericht des in- ternationalen Verbandes der SozialpädagogInnen (AIEJI) verdeutlicht zudem, wie wichtig die Wahrnehmung und die Benennung psychischer Beeinträchtigungen sind.
Wir haben uns für den Hefttitel «psychische Erkrankungen» entschieden, obwohl die einschlägigen Diagnosehandbücher in An- lehnung an den englischen Begriff «disorder» von «psychischen Störungen» sprechen. Wie sich Erkrankte, Gestörte oder Beeinträchtigte in unsere Gesellschaft integrieren, hängt von uns allen ab.
Was in diesem Heft fehlt, ist die Stimme der Betroffenen. Unser Aufruf bei Selbsthilfegruppen in der Schweiz führte leider nicht dazu, dass psychisch erkrankte Menschen uns ihre Erfahrungen mit Sozialarbeitenden schilderten. So reden wir in diesem Heft zwar über psychisch erkrankte Menschen, aber nicht mit ihnen.

Kolumne: von aussen betrachtet
Simon Chen,
Verbalarbeiter mit Auftrittskompetenz

Ich bin nicht vom Fach...
.… ...aber ich hab auch eine Psyche. Ich hab mal nachgeschaut, was das Wort bedeutet. Psyche kommt aus dem Altgriechischen und heisst ursprünglich Atem, Hauch. So gesehen leidet ein psychisch Kranker unter nichts anderem als unter Atemnot, er kriegt nicht genügend Luft. Oder die Luft, welche er einatmet, ist verpestet. Oder sein Atemrhythmus stimmt nicht mehr. Oder vielleicht bekommt er zu viel Luft und droht zu platzen wie ein Luftballon; er wird die Luft, die er sich einverleibt hat, nicht mehr los und erstickt an sich selbst.
Luft. Der Mensch lebt mit und in ihr, er geht in sie hinein und durch sie hindurch, und so wird diese Luft zum Atem, zum Lebenshauch, den er in sich aufnimmt. Er filtert aus der Luft, was gut ist für ihn, und gibt den Rest wieder heraus. Einatmen, ausatmen. Die Luft steht auch für das, was aussen ist, für die Umgebung eines Menschen. Sie beinhaltet seine Umwelt und seine Mitmenschen.
Luft. Im Wind zeigt sie Kraft. Im Duft Zauber. Und im Atem Leben. Und Leben heisst einerseits Einflüsse aufnehmen und andererseits sich zum Ausdruck bringen. Input, Output. Das Leben ist ein Geben und Nehmen, und diese zwei Pole müssen in Balance sein, damit der Mensch ausgeglichen ist und sich physisch und psychisch gesund fühlt. Wer frei atmen will, muss aus den Untiefen seiner Probleme auftauchen, muss das Blatt vor seinem Mund entfernen, den Kloss im Hals auflösen, die Last auf der Brust loswerden, er muss sich von seiner Beklemmung befreien.
Bei physischen Atembeschwerden gibt es technische Hilfen: Mundschutz, Schnorchel, Sauerstoffmaske, Beatmungsgerät, Asthmasprays. Aber bei psychischer Atemnot ist immer noch die Mund-zu-Mund-Beatmung durch einen «Bademeister der Seele» am wirkungsvollsten, d. h. die menschliche Zuwendung, die professionelle Beratung durch einen Psychotherapeuten. Er kann dem nach Luft und Leben Schnappenden helfen, seine Atemwege freizulegen. Denn durch den Hauch eines lieben Wortes kann ein Mensch seine Lebensgeister wieder zurückerlangen. Um dann mit einem sanften Ausatmer eine Seifenblase aufzublasen …