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SozialAktuell — Die Fachzeitschrift für Soziale Arbeit

Monatsthema:

Auf dem Weg zur lernenden Organisation

Wie viel Wandel darf es sein?

Daniel Iseli und Esther Forrer Kasteel


«Das haben wir schon immer so gemacht!» Das ist nicht nur im bernischen Emmental ein häufig gehörtes Argument, um anstehende Entwicklungen oder neue Vorgehensvorschläge zu verhindern. Argyris, Schön und Senge haben vor zwanzig Jahren mit ihren Theorien zu «Lernen in Organisationen» und der Forderung nach «lernenden Organisationen» die Management- und Organisationsbranche und die Leitungsverantwortlichen verunsichert und gleichzeitig fasziniert. Institutionen müssen zu lernenden Organisationen werden, damit sie sich dem raschen Wandel der Umwelt und den Erfordernissen der Anspruchsgruppen anpassen. Dies wurde fortan zur Leitidee in Weiterbildung und Managementseminaren.
Was haben diese Ansätze gebracht, und wo stehen wir heute diesbezüglich im Sozialbereich? Das fragten wir uns und einigten uns im Redaktionsteam auf den vorsichtig formulierten Titel: «Auf dem Weg zur lernenden Organisation».
Roger Pfiffner beleuchtet in seinem Einführungsartikel den heutigen Stand der Diskussion rund um das Lernen in sozialen Organisationen. Der Soziologe Kühl kritisiert diese Konzepte und weist auf Widersprüche hin. Organisationen müssen sich auf Veränderungen einlassen, sie müssen jedoch auch erfolgreich ignorieren können. Verschiedene AutorInnen (Geramanis, Herzig, Christ und Forrer, Gehrlach) diskutieren in ihren Beiträgen Projekte und Fragen rund um Lernen, Arbeitsfähigkeit, Qualität und Steuerung in sozialen Organisationen. Zwei Artikel beleuchten diese Fragen ganz konkret aus der Praxis der Sozialpädagogik und der Sozialdienste (Zürcher, Lerch und Wüthrich). Zudem äussern sich Vertretende der Deutschschweizer Fachhochschulen in Kurzbeiträgen über aktuelle Forschungs-, Entwicklungs- oder Dienstleistungsprojekte.
Machen Sie sich selbst ein Bild. Wie lernt die Organisation, in welcher Sie arbeiten, und was ist Ihr Beitrag zur steten Weiterentwicklung der Organisation? Im Zweifelsfall können Sie ja immer noch versuchen, sich an den alten Emmentaler Leitspruch zu klammern.

Kolumne: von aussen betrachtet
Simon Chen,
Verbalarbeiter mit Auftrittskompetenz

Ich bin nicht vom Fach ...
... aber aus sprachlicher Sicht missfallen mir Formulierungen wie «lernende Organisationen». Das Partizipialattribut «lernende» passt meinem Sprachgefühl nach nicht zum Substantiv Organisationen. Es gibt lernende Schüler, lernende Studierende (zwei Partizipialformen nacheinander; sprachlich unschön, dafür politisch hochkorrekt), auch Lehrer und Professorinnen können sich noch weiterbilden und somit Lernende sein.
Aber lernende Organisationen? Was soll eine lernende Organisation sein? Eine Organisation, welche die Schulbank drückt? Eine Organisation, die eine Lehre macht oder zur Uni geht? Die Mitglieder einer Organisation können lernen, ihre EntscheidungsträgerInnen können lernen – aber doch nicht die Organisation an sich! Das erinnert mich an den Satz «Die Gesellschaft ist schuld.» Man kann nicht die Schuld auf etwas schieben, das nur abstrakt existiert. Die Gesellschaft gibt es nicht, bzw. sie ist nur die Gesamtheit von Tausenden oder Millionen von Individuen. Genauso ist auch eine Organisation vielleicht eine Körperschaft, aber eben kein Körper, der aktiv handeln kann. Eine Organisation kann gegründet, geführt oder ausgezeichnet werden, aber lernen kann sie nicht. Eine Kinderkrippe kann ja auch nicht gehen lernen, weil es einzelne ihrer Betreuten tun.
Wäre ja noch schöner, wenn es anders wäre. Wenn Organisationen lernen könnten, könnten auch Verbände lernen, Parteien könnten lernen, Parlamente und Regierungen könnten lernen und die Gesellschaft könnte lernen. Und am Ende würde sogar die ganze Welt lernen. Die Politik könnte lernen, dass es nicht um Macht geht, sondern um Machen. Die Menschheit könnte lernen, dass sie dem Abgrund zusteuert, wenn sie weiterhin Konflikte mit Gewalt zu lösen versucht. Die Welt könnte lernen, dass sie bald kollabiert, wenn sie sich weiter so erwärmt.
Aber bedauerlicherweise kann nur der einzelne Mensch lernen. Und angesichts des derzeitigen politischen und gesellschaftlichen Zustandes macht es leider nicht den Anschein, dass viele EntscheidungsträgerInnen dazu in der Lage sind. Kommt dazu, dass unser Leben und seine Zusammenhänge so undurchschaubar, die Politik so kompliziert und die Gesellschaft so unübersichtlich geworden sind. Da könnte man Lust bekommen, erstmal alles nochmal neu zu organisieren. Ob man das lernen kann?