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SozialAktuell — Die Fachzeitschrift für Soziale Arbeit

Monatsthema:

Soziale Arbeit und Musik

Was können die zwei Disziplinen gemeinsam bewirken?

Esther Forrer Kasteel und Christa Boesinger


Liebe Leserinnen und Leser
Musik betrifft praktisch alle, sei es als eigene Tätigkeit – fast 20 Prozent der Leute singen, 17 Prozent musizieren, 9 Prozent tanzen – oder als Zuhörerin und Zuhörer: Rund 95 Prozent hören privat Musik, 70 Prozent gehen an Konzerte. Klassikkonzerte werden in der Deutschschweiz, Konzerte mit Chanson in der Romandie, Jazz-, Funk- oder Countrykonzerte in der italienischen Schweiz am meisten besucht. Im Jahr 2016 gibt es in der Schweiz 407 Musikschulen, davon 354 in der Deutschschweiz, 36 in der Romandie, 13 in der italienischsprachigen Schweiz und 4 in der rätoromanischen Schweiz. So die neusten Zahlen der Taschenstatistik Kultur des Bundesamtes für Statistik, welche alljährlich einen Ein- und Überblick über die Kulturlandschaft Schweiz liefert.
Wir alle haben einen eigenen Bezug zur Musik, wenngleich dieser auch sehr unterschiedlich ausgeprägt sein kann. Bei manchen spielt Musik eine zentrale Rolle in ihrem Alltags- und Berufsleben, bei anderen stellt diese eine überschaubare Nebensächlichkeit dar. Wie sieht es bei Ihnen aus? Können Sie sich ein Leben ohne Musik, ohne Musizieren, ohne Konzerte etc. vorstellen? Können Sie der Musik Ausgleich, Verarbeitungsmöglichkeit, Ausdruck, ja gar Glücksgefühl abgewinnen? Menschen, die sich der Musik eng verbunden fühlen, können sich ein Leben ohne Musik nicht vorstellen. Die Gründe dafür sind sehr vielfältig. Einer könnte in der Tat in der Leidenschaft begründet sein, wie die Originalworte von Richard Wagner es ausdrücken: «Die Musik ist die Sprache der Leidenschaft.»
Klingt dieses Zitat wie Musik in Ihren Ohren, oder erachten Sie es eher als langweiligen Abgesang? Auch in unserem alltäglichen Sprachgebrauch hat die Musik einen festen Platz erobert – ob wir nun im Einklang leben mit der Natur, jemandem die Meinung geigen oder von Tuten und Blasen keine Ahnung haben. Eins ist sicher: Mit Musik kann man viele(s) erreichen. Entdecken Sie auf den folgenden Seiten, welchen kreativen Spielraum die Verbindung von Sozialer Arbeit und Musik eröffnet.

Kolumne: von aussen betrachtet
Simon Chen,
Verbalarbeiter mit Auftrittskompetenz

Ich bin nicht vom Fach...
...aber zu Musik kann jeder etwas erzählen, so auch ich. Als Autor beneide ich immer wieder die Musiker, denn ein Ton wirkt unmittelbarer als jedes Wort. Musik ist eine universale Sprache, die jedermann versteht. Ich beneide nicht so sehr, dass Musiker ohne sprachliche Barrieren in jedem Land auftreten können, ich habe keine Ambitionen auf eine internationale Karriere. Aber die Wirkung von Musik ist ungleich grösser als die der Sprache. Musik bewegt, Musik wirkt direkt, körperlich und seelisch. Musikhören und v. a. Musikmachen tut einfach gut, es hat therapeutische Wirkung, was ich vom Vortragen von Texten nicht unbedingt behaupten kann. Wenn ich als Bub in der Kirche sang, verursachte das bei mir immer Gähnen, aber nicht, weil mich der Inhalt des Kirchgesangsbuches langweilte, sondern dies war der unmittelbare körperliche Effekt, den das gemeinsame Singen in der Kirche auf mich hatte. Wenn ich heute singe, muss ich nicht mehr gähnen; aber es gibt Lieder, welche mich zuverlässig zu Tränen rühren. Es ist der Klang bestimmter Passagen, gewisser Harmonien, welcher wie auf Knopfdruck die Schleusen meiner sonst selten beanspruchten Tränensäcke öffnet.
Es funktioniert aber auch ohne aktives Mitsingen. Probiert es auch mal aus! Gebt auf YouTube «Irish Blessing, James E. Moore» ein. Das ist so ein Stück, das bei mir auch beim x-ten Hören und Singen Hühnerhaut hervorruft. Ich bin nicht gläubig und auch nicht besonders rührselig, aber spätestens bei der Refrainzeile «May God hold you in the palm of his hand» passierts: Die Stimme wird zittrig, der Blick wässrig. Ich weiss nicht, ob diese Liedstelle auch mit einem belangloseren Text (etwa «May Ron meet Lou in a bar full of sand») oder in einer Sprache, die ich nicht verstehe, die gleiche Reaktion hervorrufen würde. Ich vermute, das Geheimnis liegt vor allem im Klang, anders gesagt: Die Kraft der Musik ist stärker als die göttliche, oder man könnte auch sagen: Wenn es Gott gibt, zeigt er sich in der Musik. Musik bewegt. Und das im guten Sinn, was ich – mit Blick auf das Weltgeschehen – von der Wirkung von Worten nicht uneingeschränkt behaupten kann.
Lange Rede, kurzer Sinn: Auch wenn ich nicht vom Fach bin und nicht weiss, wie ihr SozialarbeiterInnen Musik in eurer Arbeit einsetzt, glaube ich fest daran – nein, ich weiss es! –; dass sie euch und euren KlientInnen zugutekommt. Halleluja!