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SozialAktuell — Die Fachzeitschrift für Soziale Arbeit

Monatsthema:

Existenzsicherung

Balanceakt zwischen Auftrag, finanziellen Ressourcen und Personal

Christoph Mattes und Marco Mettler


Die Sommer-Doppelausgabe von SozialAktuell widmet sich aktuellen Fragen der Existenzsicherung. Bei der Auswahl der Themen und Autoren war es uns ein Anliegen, Ihnen einen Überblick über die derzeit sozialpolitisch brisanten Diskussionen zu geben und Ihnen verschiedene Verständnisse vom Begriff des Existenzminimums vorzustellen. Es sind in der Tat unterschiedliche Vorstellungen von Existenzminimum vorhanden, und viele Leistungen und Aspekte im Zusammenhang von Existenzsicherung stehen aktuell auf dem Prüfstand oder werden sozialpolitisch verhandelt.

Was sind künftige Herausforderungen der Sozialhilfe? Wie sehen Armutsbetroffene ihre Situation? Wie ist der Stand der Debatte bezüglich Revision der Ergänzungsleistungen? Welche Konsequenzen hat die Revision der SKOS-Richtlinien? Warum braucht es eine unentgeltliche Sozialhilferechtsberatung? Wie steht es aktuell um die Forderung, die Steuern bei der Berechnung des betreibungsrechtlichen Existenzminimums zu berücksichtigen? Mit welchen Existenzunsicherheiten sind vorläufig aufgenommene AusländerInnen konfrontiert? Und warum landen Versicherte auf sogenannten Schwarzen Listen? Antworten finden Sie auf den folgenden Seiten, wo unsere AutorInnen zudem die Herausforderungen für die Soziale Arbeit mit kritischen Blicken beleuchten.

Vielleicht vermissen Sie das bedingungslose Grundeinkommen. In der Maiausgabe 2016 haben wir eine mögliche Umsetzung thematisiert und viele kritische Fragen gestellt. Da bei Redaktionsschluss das Abstimmungsergebnis nicht bekannt war, haben wir uns entschieden, das BGE in diesem Heft nicht erneut zu behandeln.

Die unterschiedlichen Fragen zur Existenzsicherung werden der Sozialen Arbeit aller Voraussicht nach erhalten bleiben. Und so lohnt es sich, aus Sicht unserer Profession und Disziplin auch weiterhin wachsam zu sein, inwiefern an den Stellschrauben der sozialen Sicherung weitergedreht wird. Wir möchten Sie ermutigen, die sozialpolitischen Prozesse auch nach der Lektüre dieses Heftes kritisch zu verfolgen und sich entsprechend einzumischen. Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre.

Kolumne: von aussen betrachtet
Simon Chen,
Verbalarbeiter mit Auftrittskompetenz

Ich bin nicht vom Fach...
.… aber auch ich habe eine Existenz, die es zu sichern gilt. Plus noch zwei Kinder, die nicht nur leben, sondern auch noch wachsen wollen. Als Wortkünstler und Kabarettist kann ich sie zwar unterhalten, aber ich muss sie auch ernähren. Ich kaufe und zahle Alimente (lateinisch alimentum = Nahrungsmittel) und koche und beherberge sie. Als selbstständig Erwerbender ohne festes Einkommen heisst Existenzsicherung für mich, genügend Auftraggeber zu haben. Damit ich als Bühnenkünstler hinter dem Vorhang hervortreten (lateinisch existere) kann, bin ich darauf angewiesen, dass Veranstalter mich buchen.
Für andere hingegen bedeutet Existenzsicherung etwas ganz anderes.
Für einen Bauern etwa heisst Existenzsicherung sieben Tage Arbeit in der Woche und Subventionen aus Bern. Für einen Basejumper bedeutet Existenzsicherung in erster Linie, dass er heil unten ankommt. Falls nicht, muss ein Notfallarzt dessen Existenzsicherung übernehmen. Ebenso kümmern sich Sozialhilfebeamte oder Entwicklungshelfer um die Existenzsicherung anderer, sie sorgen dafür, dass ihre Schützlinge ein einigermassen würdevolles Leben führen können. Für die Existenzsicherung eines vom Unwetter zerstörten Handwerksbetriebs muss wiederum die Versicherung eintreten. Für die Existenzsicherung eines Sportclubs braucht es Investoren, und damit eine Grossbank nicht Pleite macht, muss der Staat mit Milliarden einspringen.

Eigentlich geht es bei der Existenzsicherung um das Minimum, das einer für ein einigermassen anständiges Leben braucht. Aber alles ist relativ, selbst das absolute Minimum. Ist es nicht erstaunlich, wie wenig man in jungen Jahren braucht, um zufrieden zu sein, und wie schnell es geht, bis man auf einmal das Dreifache für das Mindeste hält? Der Standard, den ein 40-jähriger Angestellter für eine Selbstverständlichkeit hält, wäre für ihn 15 Jahre zuvor, als er noch im Studium war, ein Luxus gewesen. Und für den Obdachlosen dagegen bedeutet Existenzsicherung schlicht etwas zum Essen, die eine oder andere Flasche Bier, im Sommer eine Brücke und im Winter ein Bett im Männerheim. Wo der Wohlstand aufhört und die Existenzsicherung beginnt, hängt sehr davon ab, ob man schon je echte Not erlebt hat. So, ich muss. Meine Kinder kommen nach Hause, sie sind sicher halb am Verhungern!