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SozialAktuell — Die Fachzeitschrift für Soziale Arbeit

Monatsthema:

Macht

Wie geht die Soziale Arbeit mit ungleichen Verhältnissen um?

Ursula Christen und Robert Löpfe


Die Auseinandersetzung mit Macht und Ohnmacht ist in der Sozialen Arbeit ein unumgängliches Thema, allein die Erwähnung des Begriffs Macht löst jedoch oft ambivalente Gefühle aus. Letzthin sagte eine Kollegin beispielsweise: «Ich habe zweifellos Macht über meine KlientInnen – viele von ihnen mit Suchtproblemen. Ich kann ihnen die Auszahlung ihres Taschengeldes unter dem Hinweis verweigern, dass sie nicht zur vorgesehenen Zeit im Büro vorgesprochen haben. Wegen mir ist ihr Tag vermasselt, weil sie ihr Trinken nicht einkaufen können. Will ich aber dazu beitragen, ihre Lebenssituation zu verbessern, dann ist meine Macht oft mehr als begrenzt. Meinen Vorgesetzten oder externen Behörden geht es ähnlich mit der Macht über mich: Einmal bekommen sie sehr schnell von mir das Gewünschte. Ein anderes Mal müssen sie lange auf eine Leistung oder eine Auskunft von mir warten. Sie müssen sich dann von mir Erklärungen anhören, wie die Zusammenarbeit mit den KlientInnen sei nicht immer exakt planbar. Mitarbeitende von Behörden haben in der Regel keine Wahl, was sie von mir oder meinen KlientInnen fordern müssen. Sie haben sich an Gesetze und Budgets zu halten – auch wenn sie diese nicht erlassen haben und Mühe haben, dahinterzustehen.»
Nicht nur als SozialarbeiterInnen sind wir mit Macht und Ohnmacht konfrontiert, auch als Mitglieder der Redaktionsgruppe begegnen uns die beiden Pole. Einerseits können wir Themen setzen, Aufträge erteilen und Ausgaben gestalten. Gleichzeitig erleben wir jedoch hin und wieder ein Ausgeliefertsein. Wenn beispielsweise die vereinbarten Inhalte in den Beiträgen nicht berücksichtigt werden oder versprochene Artikel zu spät oder am Ende gar nicht eintreffen, dann stehen wir mit leeren Händen da und kommen unter Druck. Es scheint geradezu passend, dass für die vorliegende Ausgabe gleich zwei Beiträge erst nach Redaktionsschluss abgesagt wurden – und wir absolut machtlos sind.
Macht ist das Öl oder der Sand im Getriebe, je nach Blick- oder Fahrtrichtung. Im vorliegenden Schwerpunkt ist vereint, was sonst weit auseinanderliegt. Gleich zu Beginn kommt die Soziale Arbeit auf die Anklagebank. Daneben kommen Menschen mit Lernschwierigkeiten zu Wort, die ihre Ohnmacht nicht tatenlos hinnehmen. Weiter ist die Rede vom Stabilitätspakt der europäischen Union, von der Ermächtigung der Sozialarbeit durch die Schaffung der KES-Behörden, der Macht von unten am Beispiel eines Speaker’s Corner sowie den politischen Einflussmöglichkeiten unseres Berufsverbandes, der uns in unserer Professionalität stärkt. Wir laden Sie ein, entdecken Sie in unserem Schwerpunkt die explizit beschriebenen Machtzusammenhänge – und auch die verborgenen – und machen Sie in Ihrem Alltag gleich weiter damit. Dann haben wir die Chance, der Anklage im Grundlagentext, wir würden unser politisches Mandat nicht nutzen, etwas entgegenzusetzen.

Kolumne: von aussen betrachtet
Simon Chen,
Verbalarbeiter mit Auftrittskompetenz

Ich bin nicht vom Fach...
… ...und leider auch nicht von der Redaktion. Deswegen habe ich erst vom geänderten Schwerpunktthema dieses Heftes erfahren, als ich meine Kolumne zum Thema Sprachregionen abgeliefert hatte. Und obwohl das Versäumnis aufseiten der Redaktion war, war ich machtlos; ich musste gleich noch mal eine Kolumne schreiben, diesmal zum Thema Macht.
Macht kommt von machen. Oder von machen lassen. Wer viel und gut macht, der sammelt Erfahrung, steigert seine Kompetenz, gewinnt somit an Einfluss und damit an Macht. Und wer Macht hat, hat Entscheidungsgewalt und kann auch machen lassen. Zum Beispiel in der Politik. Damit ein Politiker aber Politiker sein kann, muss er erst gewählt werden. Die Macht liegt also zuerst beim Stimmvolk. Je mehr und öfter Wählerinnen und Wähler einen Politiker wählen, desto mehr gewinnt er an Macht, desto höher steigt er auf der Karriereleiter. Aber je höher das Amt eines Politikers, je mehr Menschen er also vertritt, desto mehr entfernt er sich gleichzeitig von ihnen – oben der Spitzenpolitiker, unten das Volk (das kompensieren dann einige damit, dass sie umso populistischer politisieren). Er sitzt auf seiner Machtposition und redet und überlässt das Machen denen, die ihm unterstellt sind. Liebe Frauen, natürlich meine ich auch Politikerinnen, aber hier ist die männliche Schreibweise leider recht zutreffend, denn je höher das Amt, desto weniger Frauen.
In der Sozialarbeit sieht das anders aus, hier dürften weibliche Vertreterinnen in der Mehrheit sein. Aber auch hier gibt es ein Machtgefälle. Die Sozialarbeiterin hat Macht gegenüber ihrem Klienten. Das ist aber bei allen Berufen so. Die Ausführende, Gelernte, Studierte, die Professionelle hat immer Macht gegenüber dem, der etwas von ihr will. Die Verkäuferin hat Macht gegenüber dem Konsumenten; sie kann ihn warten lassen. Der Pilot hat Macht gegenüber dem Passagier (Beispiel erübrigt sich). Die Lehrerin hat Macht gegenüber dem Schüler; sie benotet ihn. Als Bühnenkünstler habe ich Macht gegenüber meinem Publikum; je nach Gutdünken kann ich es belustigen oder irritieren. Und auch als Kolumnist. Da bin ich zwar dem Heftthema unterworfen – auch wenn es ohne mein Wissen geändert wird. Aber ich habe Macht gegenüber Ihnen, meinen Leserinnen und Lesern: Ich kann euch hier die Schlusspointe, die ihr jetzt vielleicht erwartet, einfach vorenthalten.