Schulsozialarbeit: Fachtagung 2. Juni 2010
Boom der Schulsozialarbeit
„Das Drei-Säulen-Konzept – gelingende Faktoren der Schulsozialarbeit“
Fachtagung von AvenirSocial und SchulsozialarbeiterInnen-Verband
Text und Fotografie: Christian Römelin
 Olten, 02.06.2010 - Die Schulsozialarbeit gewinnt in der ganzen Schweiz rasant an Bedeutung. Die beiden Berufsverbände AvenirSocial und SchulsozialarbeiterInnen-Verband, SSAV führten am 2. Juni 2010 eine nationale Tagung in Olten durch. Rund 200 SchulsozialarbeiterInnen bekamen Impulse durch vier Referate und durch Workshops. Dabei standen die Prävention, Früherkennung und Beratung als Dreisäulen-Konzept im Zentrum. Wie können diese Faktoren im Berufsalltag umgesetzt werden? Welche Ressourcen stehen zur Verfügung, wo sind die Schwerpunkte zu setzten und was fördert oder verhindert die Wirksamkeit sozialarbeiterischer Tätigkeit an der Schule? Diese Fragen bestimmten die Fachtagung, an der man sich auch besser vernetzen konnte.
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Die Schulsozialarbeit gewinnt in der ganzen Schweiz rasant an Bedeutung. Die beiden Berufsverbände AvenirSocial und SchulsozialarbeiterInnen-Verband, SSAV führten am 2. Juni 2010 eine nationale Tagung in Olten durch. Rund 200 SchulsozialarbeiterInnen bekamen Impulse durch vier Referate und durch Workshops. Dabei standen die Prävention, Früherkennung und Beratung als Dreisäulen-Konzept im Zentrum. Wie können diese Faktoren im Berufsalltag umgesetzt werden? Welche Ressourcen stehen zur Verfügung, wo sind die Schwerpunkte zu setzten und was fördert oder verhindert die Wirksamkeit sozialarbeiterischer Tätigkeit an der Schule? Diese Fragen bestimmten die Fachtagung, an der man sich auch besser vernetzen konnte.
„Vielfach sind SchulsozialarbeiterInnen EinzelkämpferInnen und die Art und Weise der Umsetzung ihres Auftrags ist von den einzelnen Gemeinden geprägt“. Dieser Satz steht auf der Einladung zur Fachtagung, deren Thema die Methoden und Wirkungen in der Schulsozialarbeit war.
Junge, dynamische Sozialarbeit
„Die Schulsozialarbeit ist gemessen an anderen Berufsfeldern der Sozialen Arbeit ein sehr junges und sehr dynamisches Berufsfeld. Heute ist die Schulsozialarbeit nicht nur in der Deutschschweiz, sondern auch in der Romandie weit verbreitet. Die Schulsozialarbeit hat einen wichtigen Stellenwert, sie ist ein wichtiger Teil der Schule geworden. So ist sie auch in der gesamtschweizerischen Strategie zur Armutsbekämpfung, die am 29. März vom Bundesrat veröffentlich wurde, prominent als Massnahme zur Armutsbekämpfung erwähnt und der Bundesrat empfiehlt den Ausbau der Schulsozialarbeit. Also ein Berufsfeld mit Zukunft!“ erklärte Isabelle Bohrer, Geschäftsleiterin AvenirSocial gleich zu Beginn der Tagung. Und Markus Kaufmann, Präsident des SSAV betonte, dass Methoden der Sozialen Arbeit aus der Sozialpädagogik, der Soziokulturellen Animation und der Sozialarbeit in ein Konzept fliessen. Mit allen drei Berufen könne man als SchulsozialarbeiterIn tätig sein.
Wenig präventive Tätigkeit
Professor Dr. Martin Hafen der Hochschule in Luzern – Soziale Arbeit betitelte seinen Vortrag mit „Schulsozialarbeit - der lange Weg von der Krisenintervention zur Prävention“. Der Titel dürfe nicht die falsche Vorstellung erwecken, dass sich Schulsozialarbeit von einer beratenden, in Krisen intervenierenden Tätigkeit, zu einer rein präventiven Tätigkeit entwickeln würde, begann Hafen.
„Wenn wir den langen Weg der Krisenintervention zur Prävention begehen, dann verlassen wir das Feld der Krisenintervention nicht, sondern wir schaffen uns neue Handlungsräume.“
Vorwiegend Intervention
Es sei ganz klar, dass Schulsozialarbeit immer bei bestehenden Problemen beratend intervenierten wird und dass diese bestehenden Probleme ein zentrales Handlungsfeld in der Schulsozialarbeit sind, erklärte Hafen. Es gehe darum nachzudenken, wie vermehrt alltägliche Aspekte in den Arbeitsalltag der Sozialen Arbeit in der Schule integriert werden können. Dazu brauche es auch die Soziokulturelle Animation und Sozialpädagogik, wie das schon sein Vorredner Markus Kaufmann gesagt habe. Meist bleibe im Alltag keine Zeit für Prävention, weil die Mittel dazu nicht reichten und die Intervention im Vordergrund stehe. Denn es gäbe bei akuten Problemen keine Aufschubmöglichkeit. Im Gesundheitswesen zeigen die Zahlen das deutlich; Intervention mit 97,8% und Prävention mit 2,2%. Es sei klar, dass man Krankheiten und soziale Probleme nicht auf sich beruhen lassen kann, um in die Prävention zu investieren. Und dennoch, wenn eine Behandlung frühzeitig beginnt, könne das auch präventiv wirken.
Unterschiedliche Welten
Strukturelle Rahmenbedingungen sind also wichtig. Die Lehrerschaft will entlastet werden durch die Intervention der Schulsozialarbeit. Prävention hingegen kann anfänglich zu einer Mehrbelastung der Lehrerschaft führen, doch schlussendlich bringe sozialarbeiterische Prävention Entlastung, weil sie beratend ist. Zusätzlich sind soziokulturelle Massnahmen gefragt. Deshalb ist es sinnvoll die entsprechenden Weiterbildungen zu machen.
Es prallen zwei unterschiedliche Berufswelten aufeinander, es braucht Verständnis und eine Klärung der Erwartungen. Deshalb sind Veranstaltungen wie diese wichtig, damit das Bildungssystem informiert wird, was die Schulsozialarbeit leisten kann und was nicht. Und – eine klare Funktionsklärung durch den Auftraggeber ist nötig. Wenn Prävention gefördert werden soll, müssen die Schule und die Gemeinde auch entsprechenden Ressourcen zur Verfügung stellen, erklärte Hafen.
Eine Schulsozialarbeiterin aus dem Plenum meldete sich zu Wort: „Wir müssen nicht warten, bis die Schule bereit ist, uns einen Auftrag zu geben. Wir Schulsozialarbeiter haben auch die Möglichkeiten Rahmenbedingungen zu erarbeiten. Das sehe ich bei uns in Hinwil, wo wir mit Soziokulturellen Animatoren der Jugendarbeit an die Schule herantreten sind, was sehr erfolgreich ist.“
Zusammenarbeit wichtig
Die „take home messages“ von Simone Gaio, ehemalige Sekundarschullehrerin und Christoph Kuhn, Schulsozialarbeiter, beide sind Präventionsfachleute, lautete: „Um professionell mit der Schule zusammenarbeiten zu können, muss man diese als komplexe Organisation anerkennen. Die Rollen- und Auftragsklärung ist in der Zusammenarbeit immer wieder zentral. Veränderungsprozesse brauchen Zeit und Prävention braucht einen langen Atem.“
Die knappen Pensen der Schulsozialarbeit und die Dringlichkeit der Probleme Jugendlicher haben zur Folge, dass meist nur noch Beratung geleistet werden kann. Früherkennung und Prävention gelangen so eher in den Hintergrund.
Schwerpunkte in der Jahresplanung der Schule sind deshalb von grosser Wichtigkeit für die Schulsozialarbeit. „Durch den Lehrplan können wir auf Themen zugreifen.
Bei alldem ist die Zusammenarbeit mit Schulleitung zentral, weil wir auf deren Kooperation angewiesen sind“, betonten die Präventionsfachleute.
Entwicklung von Schulsozialarbeit
Die Schulsozialarbeit Wettingen umfasste im Jahr 2002 gerade mal 80 Stellenprozent. Im Jahr 2009 waren es drei Personen mit 230 Stellenprozent, um den Aufgaben der Schulsozialarbeit nachzukommen: für 2'200 SchülerInnen aller Stufen in sieben Schulhäusern, zusätzlich für die Heilpädagogischen Schule und auch für die Kinder aus 19 Kindergärten. Die Schulsozialarbeiter Monika Peter, Angela Müller und Michael Kunz schilderten die Entwicklung der Schulsozialarbeit in Wettingen. Man sei in der Prävention bestrebt, die relevanten Schutzfaktoren zu stärken. Sie gelte für die ganze Schulzeit und beinhalte Ich-Du-Wir Stärkung, Konfliktlösungsstrategien, Umgang mit Genussmitteln, Medien, Sexualität, Gesundheit, Ernährung, Sport, Umgang mit Grenzen und Regeln. Eine enge Zusammenarbeit mit Präventionsverantwortlichen der Lehrerschaft sei absolut notwendig.
Eine Frage der Position
„Wie positioniere ich mich, was mache ich und was nicht. Es gibt nicht die eine richtige Zugangsweise oder den einen richtigen Weg“, erklärte Susanne Quistorp, des Institutes für systemische Impulse, Entwicklung und Führung GmbH in Zürich. Ein Fallbeispiel aus dem Berufsalltag einer Schulsozialarbeiterin veranschaulichte den Beratungskontext mit den möglichen Schwierigkeiten. Eine Lehrperson suchte Hilfe bei der Schulsozialarbeiterin und schilderte die Situation eines Mädchens, das vielschichtige Schwierigkeiten hat. Im anschliessenden Gespräch mit ihr als Schulsozialarbeiterin äusserte das Mädchen suizidale Gedanken. Mutter und Vater wurden beigezogen und der Gang zum KJPD, Kinder- und Jugendpsychiatrischer Dienst folgte. Quistorp bat die Schulsozialarbeiterin FachtagungsteilnehmerInnen zu bestimmen, die die involvierten Personen nachstellen und die Rollen sichtbar machen. Diese Interaktion zeigte deutlich, welche unterschiedlichen Erwartungen die vielen beteiligten Erwachsenen haben. Fazit war, dass der Fokus wieder mehr auf die Schülerin gerichtet werden soll. Dazu die Schulsozialarbeiterin: „Bei der nächsten Gesprächsrunde wird die betroffene Schülerin dabei sein.“
In die Tiefe des Umfelds gehen
Jean-Félix Savary, Geschäftsleiter der Westschweizer Vereinigung der Professionellen der Suchtarbeit, GREA: „Wir müssen in die Tiefe gehen und auch das Umfeld ansehen, wenn es um Frühintervention im Suchtbereich geht. Das heisst, wir müssen das Umfeld bearbeiten und dort Verstärkung holen, damit Hilfe zur Selbsthilfe angeboten werden kann. Das geht vor allem über die aufsuchende Soziale Arbeit, soll Frühintervention Wirkung zeigen. Das Referat war in französischer Sprache gehalten. Für eine perfekte Simultanübersetzung, der erstmals zweisprachig abgehaltenen Fachtagung, sorgte Sulpice Piller.
Weitere Impulse
Die Referate und die dazwischen liegenden Workshops gaben viele Impulse und die Möglichkeit für neue Bekanntschaften. Das Kindercabaret CabaKids zeigte aus der Sicht von Kindern die Dinge rund um die Schulsozialarbeit. Mit einer gelungenen Aufführung erreichten sie das Publikum und lösten viel Gelächter und Applaus aus. Andy Studer vom Solothurner Radio 32 übernahm die Tagungsmoderation und glänzte mit treffenden und kurzweiligen Bemerkungen. Der Stehlunch war der Tagung angepasst, wie Isabelle Bohrer feststellte. Vielleicht wird ja die eine oder der andere Tagungsteilnehmer Mitglied bei einem der beiden Berufsverbände, sofern sie oder er es noch nicht ist.
www.avernisocial.ch www.ssav.ch/verband Folien der Referierenden:
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