AvenirSocial - Professionelle Soziale Arbeit Schweiz

SozialAktuell — Die Fachzeitschrift für Soziale Arbeit

Monatsthema:

Beistandschaft

Einblicke in einen Beruf

Armin Eberli

Liebe Leserinnen, liebe Leser
Seit dem 1. Januar 2013 ist das neue Kindes- und Erwachsenenschutzrecht in Kraft. SozialAktuell hat der Umsetzung des neuen Rechts immer wieder Schwerpunkte gewidmet. Mit den neuen gesetzlichen Grundlagen hat sich auch die Rolle der BerufsbeiständInnen – der einstigen AmtsvormundInnen – verändert. Es werden deutlich höhere Anforderungen an die Person des Beistandes/der Beiständin und an die Mandatsführung gestellt.
Der vorliegende Schwerpunkt legt seinen Fokus auf diese Aspekte. Bei seiner Konzeption haben wir mit der Schweizerischen Vereinigung der Berufsbeiständinnen und Berufsbeistände (SVBB) zusammengearbeitet. Die Zusammenarbeit hat sich bewährt, und wir danken allen Beteiligten für ihr Engagement.
Die Beiträge auf den folgenden Seiten zeigen, wie vielfältig und vielschichtig die Tätigkeit von BeiständInnen ist und wie breit gefächert das Wissen, über das sie verfügen müssen, um den von ihnen begleiteten Menschen gerecht werden zu können. Nach einem einleitenden Artikel, der die gesetzlichen Grundlagen darlegt, werden verschiedene Aspekte der Tätigkeit von Berufsbeistandspersonen thematisiert: die spezifischen An- und Herausforderungen im Kindes- oder Erwachsenenschutz, die spezifischen Weiterbildungen auf diesem Fachgebiet, die interdisziplinäre Zusammenarbeit, der Umgang mit der sehr grossen Arbeitsbelastung und anderes mehr.
Besonders interessant dürften die Beiträge des vorliegenden Schwerpunktes für all jene von Ihnen sein, die in ihrem Berufsalltag mit BerufsbeiständInnen zusammenarbeiten oder sich mit dem Gedanken befassen, selber einmal in diesem Berufsfeld zu arbeiten. Ihnen, aber auch allen anderen Leserinnen und Lesern, wünschen wir eine spannende Lektüre.
Kolumne: von aussen betrachtet
Simon Chen,
Autor und Kabarettist


Urteilen & Handeln

Ein Blinder und ein Gelähmter tauschen sich aus



G: Wo arbeitest du?
B: In einem Modegeschäft.
G: Als was?
B: Verkauf und Beratung.
G: Wen berätst du denn?
B: Kundinnen.
G: Wie willst du Kundinnen in Sachen Kleidung beraten, wenn du nichts siehst?
B: Die meisten sind Stammkundinnen, die kenne ich gut. Die wollen eh immer das Gleiche. Und sonst habe ich eine Assistentin. Die sagt mir, was ich nicht sehe. Sie schaut, ich entscheide.
G: Und die Kundinnen wissen, dass du blind bist? …
B: Ja. Aber sie glauben es nicht. Und du?
G: Ich glaube schon, dass du blind bist; so wie du mich anschaust.
B: Nein, ich meine, was du machst?
G: Ach so. Ich bin Kurier. Ich trage Spezialsendungen aus.
B: Im Rollstuhl?
G: Ein Zivi schiebt mich.
B: Er schiebt deinen Rollstuhl, mit dem du Post verteilst? Aber dann könnte er sie ja auch gleich selbst austragen.
G: Er weiss nicht, wohin. Ich führe, er steuert.
B: Auf der Sendung steht doch die Adresse.
G: Er kann nicht lesen. Er ist geistig behindert. Ich körperlich. Wir ergänzen uns super. Wir sind ein Team.
B: Unglaublich! Du kannst nicht gehen und arbeitest als Kurier, und ein geistig Behinderter ist dein Chauffeur.
G: Nicht unglaublicher als ein blinder Modeberater, der sich von seiner Assistentin schildern lässt, wie die Kundin im Kleid aussieht.
B: Ja, man muss sich zu helfen wissen.
G: Genau, man muss sich helfen lassen.
B: Hauptsache man bleibt urteils- …
G: … und handlungsfähig.